Mittwoch, 31. Januar 2007

Pitaah (2002)

Zur Story: Der Thakur Avadh Narayan Singh (Om Puri) herrscht mit eiserner Hand und grausamen Methoden über seine Untergebenen in Shekhapur. Während seine Frau, die Thakurain (Mita Vasisht), immer wieder versucht, positiv auf ihn einzuwirken, haben seine beiden Söhne nur zwei Interessen: Alkohol und Frauen. Eines Tages vergewaltigen sie am helllichten Tage die neunjährige Durga (Tani Hedge) und überlassen sie schwer verletzt ihrem Schicksal. Dank des Einsatzes des Hospitalleiters (Anjaan Srivastav) überlebt Durga, und Police Officer Ramnarayan Bharadwaj (Jackie Shroff) kann die beiden Täter ermitteln und festnehmen. Doch mit Hilfe seines Anwalts kauft der Thakur sowohl den Arzt als auch Bharadwaj, so dass seine Söhne einen Freispruch wegen Mangel an Beweisen erwarten können. Durgas armen und hilflosen Eltern Paro (Nandita Das) und Rudra (Sanjay Dutt) wird klar, dass sie von der Justiz keine Gerechtigkeit erhoffen können, woraufhin Rudra beschließt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und danach mit Paro, Durga und seinen kleinen Söhnen Lav und Kush in den Tod zu gehen, da er weiß, dass der Thakur sie nicht am Leben lassen wird...

Darf Selbstjustiz sein? Diese Frage stellt man sich bei vielen indischen Filmen, in denen sie mit einer manchmal erschreckenden Selbstverständlichkeit zelebriert wird. In Pitaah (= Vater) wird Rudra sogar regelrecht angefeuert durch eine Background-Musik, die ihm immer wieder eindringlich ins Ohr brüllt: „Hör auf zu denken und zerstöre!“ Das hat wohl mit dazu geführt, dass Pitaah oft zum Rachedrama abgestempelt wird. Ich sehe das jedoch anders. Wäre Pitaah ein Rachedrama, so hätte Rudra die beiden Täter den ganzen zweiten Teil über gejagt und erst kurz vor Schluss, wie in Rachefilmen üblich, nach einem blutigen Handgemenge abgeschlachtet. So aber erleben wir einen Akt von Selbstjustiz und danach seine Folgen, nämlich zuerst den Suizidversuch und dann Flucht und Verfolgung von Rudras fünfköpfiger Familie, die verzweifelt versucht, der Rache des Thakur zu entgehen – unterstützt von den Dorfbewohnern, die alle Rudras Tat gutheißen: Der Anwalt des Thakur hatte ja offen damit geprahlt, dass er den Doktor und den Polizeioffizier gekauft hatte, und damit war allen klar, dass das furchtbare Verbrechen an dem Mädchen ungesühnt bleiben würde.

Ein Film, der unter die Haut geht – mit einem famosen Ensemble. Nandita Das und Mita Vasisht sind großartig, ebenso Om Puri in einer Rolle, wie sie sonst meist eher sein Namenskollege Amrish spielen durfte. Schade, dass die zwielichtige Figur Jackie Shroffs nicht noch ein bisschen mehr Profil bekommen hat; einige ihrer ständigen Gesinnungsänderungen blieben unverständlich, und das ist nicht Jackies Schuld, der seinen Charakter genüsslich ausspielt, sondern die der Drehbuchautoren, die vor allem Bharadwajs letzte und entscheidende mentale Kehrtwendung derart unmotiviert in den Raum stellten, dass die Figur völlig an Glaubwürdigkeit verliert.

Sanjay jedoch ist einmal mehr eine Klasse für sich in der Figur des schlichten und unbedarften Rudra, der sich sein Leben lang selbst erniedrigen musste, weil er arm und von der Gunst des Thakur abhängig ist, und ohne das bestialische Verbrechen an seiner Tochter niemals auf den Gedanken gekommen wäre, seine Hand gegen das Haus seines Herrn zu erheben. Aber Rudra ist eben nicht nur Sklave, sondern auch und zuvörderst ein Vater (Pitaah), dessen allgemeines Loblied zu Beginn des Filmes gesungen wird. Mit seinem intensiven und eindringlichen Spiel zielt Sanjay mitten ins Herz des Zuschauers, der mit ihm mitfühlt und mitleidet – und womöglich sogar, entgegen seiner eigentlichen allgemeinen Einstellung, Rudras Selbstjustiz-Akt gutheißt. Bei mir ist Sanju das jedenfalls glatt gelungen. Aber wer wäre in so einem krassen Fall von himmelschreiender Ungerechtigkeit nicht auf der Seite der Opfer...

Produktion: Avinash Adik; Regie: Mahesh Manjrekar
130 Min.; DVD: Spark, englische UT (inkl. Songs); die DVD enthält zudem ein kurzes Making Of
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Dienstag, 30. Januar 2007

Jodi No. 1 (2001)

Zur Story: Jai (Sanjay Dutt) und Veeru (Govinda) sind ein eingespieltes Gaunerteam und machen Bombay in verschiedensten Verkleidungsvariationen unsicher. Während einer handgreiflichen Spieltisch-Auseinandersetzung mit ihnen zieht sich Tiger (Rajat Bedi), der Bruder des Unterwelt-Dons Sir John (Ashish Vidyarthi), eine tödliche Verletzung zu, woraufhin Sir John Jai und Veeru als Mörder seines Bruders auf die Abschussliste setzt. Auf ihrer Flucht nach Goa begegnen die beiden dem NRI Vikram Singh (Aashif Sheikh), der gerade aus den USA zurückgekehrt ist. Kurzerhand nimmt Jai dessen Identität an und verschafft sich so zusammen mit Veeru, den er als seinen persönlichen Assistenten ausgibt, Zugang zur Großfamilie des NRI. Deren Oberhaupt ist der Industrielle Rai Bahadur (Anupam Kher), der sich durch "Vikram" die Rettung des maroden Familienunternehmens erhofft. Tatsächlich bringen Jai und Veeru in jeder Hinsicht Leben in die Bude und erobern ganz nebenbei die Herzen von Rinky (Monica Bedi) und Tina (Twinkle Khanna). Doch Sir John bleibt ihnen ebenso auf den Fersen wie die Bombayer Polizei...

"Never change a winning team" dürfte ein Lebensmotto von David Dhawan sein. In diesem Fall gilt es sogar in doppelter Hinsicht, da er nicht nur einmal mehr mit seinem Komödien-Dauer-Hauptdarsteller Govinda zusammenarbeitete, sondern diesen zudem erneut mit Sanjay Dutt zusammenspannte. Die beiden hatten sich neben einigen ernsthaften Filmen Ende der 80er/Anfang der 90er (u.a. Do Qaidi, auf den während des Films einmal kurz angespielt wird) zuletzt als komödiantisches Duo in Haseena Maan Jaayegi bewährt und sollten nun zum Spitzenduo, eben zum Jodi No. 1 aufsteigen. Um diese Ambitionen zu untermauern, gab man ihren Rollen die Namen Jai und Veeru, also die des klassischen Sholay-Jodis Amitabh Bachchan und Dharmendra, und machte aus dieser deutlichen Anspielung nicht einmal einen Hehl, da Jai und Veeru die Sholay-Parallele permanent selber ins Spiel bringen.

Nur: Die Rechnung geht nicht auf. Die Story-Idee ist zwar, wenn auch nicht neu (die hatte z.B. Sanju in Khoobsurat schon entschieden sehenswerter umgesetzt), so doch wenigstens nett. Nur steht erstens Anupam hier – im Gegensatz zu seinem Khoobsurat-Kollegen Anjaan Srivastav – als Familienoberhaupt auf verlorenem Posten, weil der Rest der Familie den Zuschauer vollkommen kalt lässt; da kann sich Anupam noch so redlich mühen, er spielt gegen ein Vakuum an. Und zweitens entwickeln Jai und Veeru zusammen nicht halb so viele Sympathiewerte wie Sanju allein in Khoobsurat. Ihr ewiges "control yourself yaar – not able to" geht ziemlich bald auf die Nerven, ebenso wie Govindas Tiraden, bei denen man ständig den Lautstärkenregler runterdrehen möchte. Sanjay zeigt zwar besten Willen, aber da er in dieser anspruchslosen Rolle restlos unterfordert ist und Govinda ihn zudem ständig zuquasselt, kann er sich kaum entfalten. Seine komödiantischen Fähigkeiten sind in einem Film wie Jodi No. 1 einfach verschenkt. Sorry.

Fazit: Jodi No. 1 kann man getrost unter den Tisch fallen lassen, es sei denn, man steht auf Klamauk und Buddy-Komödien (die allerdings keine Skrupel haben, zwischendurch mal eben einen sympathischen Menschen leiden und sterben zu lassen – auch das nehme ich Jodi No. 1 übel). Wer Sanjay partout mal in einem anspruchslosen Unterhaltungsfilm genießen will, ist mit Haseena Maan Jaayegi in jedem Fall besser bedient. Es sei denn, man möchte Sanju unbedingt einmal im Super-Zorro-Outfit sehen - großer Shakthiman, ich rufe dich! *g*

Produktion: Dhirajlal Shah; Regie: David Dhawan
151 Min.; DVD: Eros, englische UT (Songs nicht untertitelt)
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Montag, 29. Januar 2007

Raju Chacha (2000; Gastauftritt)

In diesem Film hat Sanjay nur einen Gastauftritt!

Zur Story: Der Architekt Siddhant Rai (Rishi Kapoor) lebt mit seinen drei Kindern Rohit (Harsh Lunia), Rahul (Kingshuk Vaidya) und Rani (Sakshi Sem) sowie Butler „BBC“ Banke Bihari Chaturvedi (Tiku Talsania) und Familienhund Casper in einem prächtigen und mit allen technischen Finessen ausgestatteten Palast. Mit seinem weichen Herzen hat Siddhant seine mutterlosen Kinder derart verzogen, dass sie durch ihr unmögliches Betragen jede Gouvernante und jeden Lehrer schnell vergraulen. Nur die schöne Anna (Kajol) schließen sie in ihr Herz. Anna selbst akzeptiert nach einer Menge Anfangsschwierigkeiten die Liebe des Bankräubers Shekhar (Ajay Devgan), der jedoch am Tag ihrer Hochzeit verhaftet wird. Kurz darauf verunglückt Siddhant tödlich, und seine geldgierigen Verwandten übernehmen mitleidlos das Regiment im Haus. Nur Siddhants seit Jahren verschollener Bruder Raju könnte das Erbe für die Kinder noch retten – und prompt taucht in diesem Moment Shekhar wieder auf und liefert überzeugende Beweise dafür, Raju Chacha zu sein. Doch noch ein weiterer Fremder (Sanjay Dutt) erhebt Anspruch auf diese Identität...

Auch große Stars können mal danebenlangen. Diese bittere Erfahrung musste Produzent und Hauptdarsteller Ajay Devgan machen, dessen sündteurer Raju Chacha an den Kinokassen gnadenlos unterging. Als Ausstattungsspektakel, angereichert mit Zeichentrickepisoden und allen möglichen technischen Spielereien, soll Raju Chacha wohl ein Kinderfilm mit Liebeseinlage sein, wird dann aber mit so viel Gewalt und Intrigen vermischt, dass das Ergebnis nicht Fisch und nicht Fleisch und demnach ziemlich ungenießbar ist. Kajol und Ajay Devgan bemühen sich redlich, haben aber gegen die mühsame Story keine Chance, und selbst Rishi Kapoor, der nach seiner viel zu lange ausgedehnten Karriere als Liebhaber mit dem netten und verständnisvollen Vater endlich eine perfekte Nische für sich gefunden hat, kann die Geschichte nicht retten. Ich hatte ja schon ein ungutes Gefühl, als der Film musikalisch mit einem 1:1-Zitat von „Jadoo Teri Nazar“ aus Darr begann – und mir kann keiner erzählen, dass niemand in der Crew diesen Film bzw. diesen Song kannte. Das Motiv eines mörderischen Psychopathen als Leitmotiv in einem Kinderfilm, das sich durch den ganzen Streifen zieht – das ist nicht nur knapp, sondern deutlich daneben.

Diesen Film können wohl wirklich nur ausgemachte Kajol- und Ajay-Fans als sehenswert einstufen, für mich waren es drei der verschwendetsten Stunden meines Lebens. Bis auf die zusammengerechnet knapp zehn Minuten, in denen Sanju auftaucht (der für diesen Gastauftritt in den Endcredits mit „Special Thanks to Shri Sanjay Dutt“ bedacht wurde). Er hat ganze drei Szenen, die er aber geradezu unverschämt gut spielt - gewohnt souverän und so genial, dass man den Twist, den seine Figur innerhalb dieser wenigen Minuten erlebt, keinesfalls vorherahnt. Fazit? Schwer zu sagen. Ob man wegen knapp zehn guter Sanju-Minuten Geld für einen schwachen Drei-Stunden-Film investieren will, muss man wirklich selbst entscheiden.

Produktion: Ajay Devgan; Regie: Anil Devgan
185 Min.; DVD: Eros, englische UT (inkl. Songs)

Kurukshetra (2000)

Zur Story: ACP Prithviraj Singh (Sanjay Dutt), bekannt als prinzipientreuer, ehrenwerter und unbestechlicher Polizist, wird wieder einmal auf einen neuen Posten versetzt, wo er sofort in seinem üblichen Stil mit den Aufräumarbeiten beginnt: keine Bestechungsgelder mehr für die Polizisten und Konfrontation mit den lokalen Gangstern, in diesem Fall mit Iqbal Pasina (Mukesh Rishi). Am Geburtstag seiner Schwester Aarti (Radika Rana) wird Prithviraj zum Tatort einer Vergewaltigung gerufen. Geeta (Rakhi Sawant), das Opfer, sagt bereitwillig gegen ihre Peiniger Rohit Gupta und Ambar (Ganesh Yadav) aus, und Prithviraj lässt die beiden festnehmen und initiiert ein Gerichtsverfahren gegen sie. Das will Ambars Vater, Chief Minister Baburao Deshmukh (Om Puri), mit allen Mitteln verhindern: Er lässt Geeta ermorden und setzt Prithviraj und dessen Familie fortan einem gnadenlosen Psychoterror aus. Doch je mehr Prithviraj unter Druck gesetzt wird, desto entschlossener hält er an seinen Prinzipien fest – selbst seine Frau Anjali (Mahima Chaudhary), die schon lange nicht mehr versteht, warum ihrem Mann Verbrechensopfer mehr bedeuten als seine eigene Familie, kann ihn nicht zum Aufgeben bewegen. Mit Hilfe des Polizisten Gopi (Sayaji Shinde), des Oppositionsführers Sambhaji Yadav (Shivaji Satham), dem der Fall für seine politischen Zwecke gerade recht kommt, und von Iqbal Pasina, dessen Respekt er sich durch seine aufrechte Haltung erobert hat, nimmt Prithviraj den Kampf gegen seinen scheinbar übermächtigen Gegner auf...

Kurukshetra (= Schlachtfeld) ist ein Film, der zum Nachdenken anregt. Es geht vor allem darum, wie schwer es einem ehrlichen Menschen gemacht wird, gegen Unrecht und Korruption anzukämpfen, wenn man damit sich selbst und seine Angehörigen in Gefahr bringt. Wie der pflichtbewusste Gesetzeshüter Prithviraj Singh selbst im größten Ungemach – er wird u.a. suspendiert und öffentlich Straftaten bezichtigt, die er nie begangen hat – nicht von seinen Prinzipien abweicht und dabei seine ganze Existenz aufs Spiel setzt, ist natürlich bewundernswert, aber es wird auch in aller Deutlichkeit ausgearbeitet, dass er für seine Prinzipientreue und Aufrichtigkeit seine Familie gefährdet, Konflikte auskämpfen und schließlich teuer bezahlen muss (u.a. verliert seine Frau durch eine Attacke seiner Gegner ihr Kind). Es ist also gar nicht so selbstverständlich, immer aufrichtig zu bleiben und seinen geraden Weg zu verfolgen, wenn man dafür Glück, Gesundheit und Leben seiner Nächsten und Liebsten aufs Spiel setzen muss; und Prithviraj findet selbst im eigenen Haus zwischenzeitlich keine Unterstützung mehr, da seine Frau und seine Schwester nicht mehr begreifen, warum sie für ein totes Vergewaltigungsopfer einen so furchtbaren Preis bezahlen müssen. Kurukshetra geht all diesen Fragen nicht einseitig-heroisch nach, sondern beleuchtet sie aus der Sicht sämtlicher Beteiligten, was den Zuschauer mehr als einmal in seiner Überzeugung, wie er sich verhalten würde, ins Stocken bringt. Dass der gesetzestreue Prithviraj am Ende keinen anderen Ausweg mehr sieht, als a) seine bedrohte Familie ausgerechnet einem Gangster anzuvertrauen und b) schließlich doch noch zur Selbstjustiz zu greifen, macht den ganzen Plot noch menschlicher, zumal da das Ende offen bleibt und man nicht erfährt, wie die ganze Sache letztlich für Prithviraj ausgeht.

Sanjay hatte im Jahr nach seinem Vaastav-Sensationserfolg ohne Frage einen neuen Gipfelpunkt in seiner Karriere erreicht, und ähnlich wie in der Phase vor seiner Verhaftung 1993 gelang ihm in dieser Zeit vor der Kamera einfach alles. Nach wie vor bewährte er sich zudem in sämtlichen Sparten, vom liebenswerten großen Bruder über den Gangster mit Herz und den eiskalten Killer mit weniger Herz bis hin zu verantwortungsvollen Polizistenfiguren wie in Mission Kashmir und eben Kurukshetra. Dieser Film gehört 100%ig ihm, auch wenn Co-Stars wie Om Puri, Shivaji Satham oder Mahima Chaudhary noch so gute Leistungen abliefern. Sanjay trägt den Film mit faszinierender und überzeugender Souveränität, die den Verantwortlichen der Star Screen Awards immerhin eine Nominierung als Bester Schauspieler wert war. Kurukshetra ist ein wirklich sehenswerter Film, der übrigens als kleines Extra-Zuckerl einen leibhaftigen Auftritt des Playback-Sängers Sukhwinder Singh bietet.

Produktion: Pravin Shah; Regie: Mahesh Manjrekar
134 Min.; DVD: Eros, englische UT (inkl. Songs)

Sonntag, 28. Januar 2007

Mission Kashmir (2000)

Zur Story: Das Familienglück des in Kashmir stationierten muslimischen SSP Inayat Khan (Sanjay Dutt) und seiner Hindu-Ehefrau Neelima (Sonali Kulkarni) wird jäh zerstört, als ihr kleiner Sohn Irfan sich bei einem Sturz schwer verletzt: Da der für die Unabhängigkeit Kashmirs kämpfende Terrorist Malik Ul Khan (Puru Rajkumar) jeden Arzt töten lässt, der einem indischen Polizisten Hilfe leistet, wagt niemand, das Kind zu behandeln, woraufhin es stirbt. Als Malik kurz darauf im Haus einer völlig unbeteiligten Familie geortet wird, schießt Khan ihn bei einer Razzia nieder, wobei in seinem Kugelhagel auch die Familie umkommt. Nur deren kleiner Sohn Altaaf überlebt. Neelima überredet Khan, den wegen seines im Affekt verübten Massakers das Gewissen plagt, Altaaf an Sohnes Statt anzunehmen und ihm all die Liebe zu schenken, die sie Irfan nicht mehr geben können. Nach und nach fasst der traumatisierte Junge Zutrauen zu seinen Adoptiveltern, doch als er eines Tages dahinter kommt, dass Khan der Mörder seiner Eltern ist, haut er ab. Zehn Jahre später gehört Altaaf (Hrithik Roshan) zu den besten Männern des Terroristen Hilal Kohistani (Jackie Shroff), der soeben den Auftrag zu dem grauenhaften Anschlag „Mission Kashmir“ angenommen hat. Für Altaaf bietet sich dabei zugleich die Möglichkeit, Rache an Khan zu nehmen...

Eigentlich hatte Vidhu Vinod Chopra eine ganz andere Konstellation im Kopf, als er das Filmprojekt Mission Kashmir plante. Inayat Khan sollte eine große, zentrale Rolle für Amitabh Bachchan werden, auf den in der etwas kleineren Rolle das Altaaf zum ersten Mal Shahrukh Khan treffen sollte. Doch dann sagten beide ab – ihr erster gemeinsamer Film wurde stattdessen noch im gleichen Jahr Mohabbatein – und Vinod musste umdisponieren. Nachdem er Sanjay Dutt für den Khan gewinnen konnte, gelang ihm mit der Verpflichtung des Newcomers Hrithik Roshan ein besonderer Coup, denn der war nach seinem Sensationserfolg von Kaho Naa... Pyar Hai gerade der Flavour of the Moment. Prompt wurde die Rolle des Altaaf für Hrithik erweitert und zu einer mit dem Khan beinahe gleichwertigen zweiten Hauptrolle ausgebaut. Das konnte sich Vinod vermutlich nur erlauben, weil ihn mit Sanjay eine enge Freundschaft verbindet und Sanju für ihn jederzeit selbst kleine Nebenrollen spielen würde. Jedenfalls schluckte Sanjay die "Degradierung" und antwortete darauf auf seine eigene Art, nämlich mit einer starken und rundum überzeugenden Leistung, der Hrithik schon mehr entgegensetzen musste als nur sein gutes Aussehen und seine Muskeln, um daneben zu bestehen. Was ihm überraschend gut gelang: Vor allem der finale Showdown zwischen Sanjay und Hrithik entbehrt nicht eines ordentlichen Maßes an Explosivität.

Vidhu Vinod Chopra verfolgte mit Mission Kashmir eindeutig zwei Ziele. Zum einen ist der Film ein eindringlicher Appell für Frieden in dieser umkämpften Region, wo, wie der Drehbuch-Co-Autor Suketu Mehta in seinem Buch "Bombay – Maximum City" berichtet, während der Dreharbeiten explosive Fiktion und Realität oft nur haarscharf aneinander vorbeischrammten. Zum anderen plädiert der Film für das friedliche Zusammenleben der Religionen, ob durch das glückliche Ehepaar Inayat und Neelu Khan (Khan zu Altaaf: "Wäre Neelima jemand anderes, würde sie Salma heißen? Ich liebe sie und habe sie deshalb geheiratet. War das ein Fehler von mir?"), durch einen bewegenden Disput des Hindu Avinash Mattoo (Abhay Chopra) und des Sikh Gurdeep Singh (Vineet Sharma) oder durch die TV-Moderatorin Sufiya Parvez (Preity Zinta), die ihrer Jugendliebe Altaaf in aller Deutlichkeit zu verstehen gibt, dass sie, obwohl selber muslimischen Glaubens, deshalb jedoch noch lange nicht einverstanden ist mit den Aktionen ihrer terroristischen Glaubensbrüder ("unsere Religion sieht nicht vor, unschuldige Menschen zu töten"). Vinod macht keine einseitigen Schuldzuweisungen: Den Attentaten der pakistanischen Terroristen steht das Massaker der indischen Polizei an der unschuldigen Familie gegenüber. Keine Seite ist schuld- und fehlerlos.

Mission Kashmir ist ein eindringlicher Film in starken und schönen Bildern. Sonali Kulkarni und Preity Zinta haben zwar beide nicht allzu viel zu tun, sind jedoch sehr gut und vor allem für den Ausgang der Handlung unentbehrlich. Jackie Shroff darf nach zahlreichen, meist guten und ehrlichen Cops endlich mal einen Schurken spielen, kommt jedoch nicht halb so gefährlich rüber, wie es vermutlich vorgesehen war, und es bleibt die Frage, ob eher ihm oder dem Regisseur die Schuld dafür zugewiesen werden muss – jedenfalls ist die Darstellung des Halil derart überzogen, dass es mir schwerfällt, ihn ernst zu nehmen. Hrithik Roshan bietet in seinem erst dritten Film dank seines intensiven Spiels eine ansprechende Leistung; sollte er jedoch gehofft haben, nicht zuletzt durch die Aufwertung seiner Rolle einem gestandenen Star wie Sanjay Dutt die Butter von Brot nehmen zu können, so hatte er sich geschnitten: Sanjay gestaltet den Inayat Khan mit großer Eindringlichkeit und berührenden Emotionen und behält gegenüber dem Jungspund Hrithik trotz seiner rollenmäßigen Benachteiligung souverän die Oberhand. Was jedoch in Sanju, der als Folge der 1992/93er Mumbaier Unruhen zwischen Muslimen und Hindus und damit verbundener terroristischer Anschläge selber in Terrorismusverdacht geraten war, vorgegangen sein muss, als er Hrithik in ihrer großen Auseinandersetzung die furchtbaren Folgen solcher Ereignisse vor Augen führte, versuche ich mir gar nicht erst vorzustellen.

Leider blieben seine Best-Actor-Nominierungen bei den Filmfare Awards, den IIFA Awards und den Zee Cine Awards für diese überzeugende Leistung ohne Erfolg; erhalten hat er lediglich einen Sonderpreis bei den Zee Cine Awards (Zee Premiere Choice) sowie den Star Screen Award – als Best Supporting Actor, was schlichtweg eine Frechheit ist (genauso wie die gleiche Nominierung bei den Sansui Awards). Aber mehr als jeder Award dürfte Sanjay damals ohnehin die Einladung in den Präsidentenpalast Rashparati Bhavan zu einer Vorführung des Filmes für den indischen Präsidenten bedeutet haben. Befragt, was ihm dabei durch den Kopf gegangen war, da er nur wenige Jahre zuvor noch in einer Gefängniszelle gesessen hatte, antwortete Sanju: "Ich wusste nicht, wie mir geschah. Ich war ganz benommen. In einer Art Rausch. Ich konnte beim besten Willen nicht glauben, dass ich, der vor Gericht als Krimineller galt und gilt, vom Präsidenten Indiens persönlich eingeladen war. Das hat mich davon überzeugt, dass die höchsten Mächte des Landes an meine Unschuld glauben, dass sie wissen, ich bin in eine Falle geraten, gestellt von meinen Feinden, wer immer sie sein mögen. Es war der größte Augenblick in meinem Leben, als Präsident Narayan mir die Hand gab und auf die Schulter klopfte. Ich habe in dieser Nacht so tief geschlafen wie noch nie in meinem Leben. Indien liebt mich. Die Menschen Indiens wünschen mir nur das Beste. Sie sind bereit, mir all die Liebe zu geben, um die ich sie gebeten hatte."

Produktion und Regie: Vidhu Vinod Chopra
150 Min.; DVD: Columbia Tristar, englische und deutsche UT (inkl. Songs)

Jung (2000)

Zur Story: Sahil (Jash Trivedi), der siebenjährige einzige Sohn von Police Inspector Veer Chauhan (Jackie Shroff) und dessen Frau Naina (Raveena Tandon), erkrankt an Leukämie und hat ohne Knochenmarkspende nur noch kurze Zeit zu leben. Doch die Suche nach einem Spender erweist sich als schwierig, da Sahil eine seltene Blutgruppe hat, und erzielt letztlich nur einen Treffer: den vierzehnfachen Mörder Balwinder Singh, genannt Balli (Sanjay Dutt), den Veer selbst vor vier Jahren ins Gefängnis gebracht hat, wo er seitdem eine lebenslängliche Haftstrafe verbüßt. Balli genießt die Situation, dass Veer ihm gegenüber nun die Bittstellung einnehmen muss, und kostet sie mit sadistischer Freude aus. Erst auf Nainas inständige Bitten erklärt er sich bereit – jedoch nur, um den Augenblick vor der Operation zur Flucht zu nutzen. Zusammen mit seiner Freundin Tara (Shilpa Shetty) und seinem Kumpel Lacchu (Neeraj Vora) macht sich Balli daran, alte Rechnungen mit dem Gangster Moosa (Saurav Shukla) zu begleichen. Zugleich wird er von der Polizei gejagt, angeführt von Veers Intimfeind Inspector Khan (Aditya Pancholi), der dafür bekannt ist, Verbrecher lieber zu töten als festzunehmen – was Veer vor Angst beinahe wahnsinnig macht, denn schließlich braucht er Balli lebend. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt...

Jung – The Battle for Life stand unter keinem guten Stern. Zwischen dem Produzenten Satish Tandon und dem Regisseur Sanjay Gupta muss es während der Produktion dermaßen gekracht haben, dass der Regisseur aus den Anfangscredits rausflog. Aus Solidarität mit seinem Freund Gupta weigerte sich Sanjay Dutt, den Film zu dubben, und distanzierte sich von Jung, indem er dem Publikum empfahl, sich den Film zu schenken. Am Ende standen mäßige Kritiken und ein Kassenflop. Ein Jammer – denn Jung ist ein guter und packender Film, auch wenn er ein paar dramaturgische Wackler hat (z.T. womöglich Folgen des Kriegs hinter den Kulissen) und handlungsmäßig einige Fragezeichen aufwirft. Zum Beispiel, warum Balli außer als vierzehnfacher Killer offiziell auch noch als Psychopath präsentiert wird; schließlich tut er im Verlauf des Filmes nichts, was diese Einstufung rechtfertigen würde: Er handelt nach seiner Flucht äußerst besonnen, beweist Übersicht und Verstand, empfindet aufrichtige Liebe für seine Freundin und lässt einen Mann, der ihn betrogen hat und ans Messer liefern wollte, am Leben mit der Begründung „das ist deine Strafe“ – so verhält sich kein Psychopath. Ein weiteres Fragezeichen ist eine Entscheidung, die Veer gegen Ende des Filmes in einer kritischen Situation trifft, denn so schön und menschlich diese Entscheidung ist, sie bleibt unverständlich und aufgrund der vorangegangenen Ereignisse nicht nachvollziehbar.

Sanjay rechtfertigt in Jung einmal mehr seinen Ruf als Parade-Gangsterdarsteller im Hindi Cinema: eiskalte Augen, jederzeit wachsam und bei Bedarf schonungs- und gnadenlos – und dazu Actionszenen, die einfach Stil haben (ich sage nur: Bürostuhl); dabei aber selbst als skrupellosester Killer immer noch mit menschlichen Facetten, die er in diesem Fall vor allem im Zusammenspiel mit Ballis Freundin Tara ausspielt. Shilpa Shetty ist dabei eine positive Überraschung, zeichnet eine starke und selbstbewusste Figur, der man ohne weiteres glaubt, dass ein Krimineller wie Balli große Stücke auf sie hält und sie sogar heiraten will; lediglich ihr Make-up ist etwas gewöhnungsbedürftig. Aditya Pancholi rehabilitiert sich mit dem Killer-Inspektor Khan für seinen etwas verunglückten Gangsterboss in Baaghi; Jackie Shroff, in der Rolle des um das Leben seines Sohnes besorgten Vaters vor allem in der zweiten Filmhälfte schwer vernachlässigt, kann lediglich in den Szenen mit ihm so richtig überzeugen, während seine Szenen mit Sanjay trotz ihres großen Potentials leider etwas verschenkt wurden. Raveena schließlich bringt die Gefühle und die Angst der Mutter eines todkranken Kindes glaubhaft rüber und hat mit ihrem Bittgang zu Balli im Gefängnis eine der stärksten Szenen des Filmes.

Wie gesagt: Es ist ein Jammer, dass der Film unter so ungünstigen Umständen entstanden ist und ihm daher nicht mehr Anerkennung zuteil geworden ist. An Sanjay liegt’s nicht – nicht einmal an der Tatsache, dass man diesmal auf seine einzigartige Stimme verzichten muss, die immer einen Großteil seiner Rollenporträts ausmacht. Wer immer der Mann ist, den man für das Himmelfahrtskommando, Sanju zu dubben, engagiert hat: Er hat einen verdammt guten Job gemacht. Sein Timbre ist zwar ein wenig dunkler und sonorer, aber er passt seine Klangfärbung und Wortmelodik derart an die von Sanjay an, dass man nur noch den Hut ziehen kann. Tolle Leistung.

Produktion: Satish Tandon; Regie: Sanjay Gupta
147 Min.; DVD: Bollywood Entertainment, englische UT (inkl. Songs)
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Samstag, 27. Januar 2007

Chal Mere Bhai (2000)

Zur Story: Der reiche Unternehmer Balraj Oberoi (Dalip Tahil) lebt zusammen mit seiner Mutter (Sushma Seth) und seinen beiden Söhnen; Vicky (Sanjay Dutt), der ältere, kümmert sich hingebungsvoll um das Familienunternehmen, u.a. auch, um es seinem geliebten jüngeren Bruder Prem (Salman Khan) zu ermöglichen, dem Büro fernzubleiben und stattdessen seiner Leidenschaft als Schauspieler nachzugehen. Die etwas zerfahrene, aber liebenswerte Sapna Mehra (Karisma Kapoor) bewirbt sich um einen Job als Sekretärin bei Oberoi & Sons, ohne die erforderten Fähigkeiten mitzubringen, weswegen Vicky sie ablehnt – doch Balraj ist so entzückt von ihr, dass er sie über den Kopf seines Sohnes hinweg einstellt. Als Vicky eines Abends von Fremden angegriffen und schwer verletzt wird, schafft Sapna es, ihn rechtzeitig in die Klinik zu bringen; zum Dank nimmt die Familie Oberoi sie mit zu einem kleinen Erholungsurlaub auf ihr Landhaus. Dort verlieben sich Sapna und Prem ineinander, während Balraj und seine Mutter Pläne schmieden, Sapna mit Vicky zu verheiraten. Dieser hat sich seit dem tragischen Unfalltod seiner Verlobten (Sonali Bendre) jedem Gedanken an eine Ehe widersetzt, doch mit Sapna könnte er sich einen Neubeginn vorstellen. Aus Liebe zu seinem großen Bruder beschließt Prem daraufhin, seine Beziehung zu Sapna zu beenden...

Sanjay und Salman waren schon in Saajan (wo sie ebenfalls in das gleiche Mädchen verliebt waren und am Ende der eine für den anderen verzichtete) ein gutes Brüdergespann; in Chal Mere Bhai sind sie noch besser, weil sie hier viel mehr Interaktionen haben und diese mit sichtbarem Spaß an der Sache ausspielen. Die beiden sind bestens aufeinander eingespielt (u.a. auch nach den gemeinsamen Dreharbeiten zu dem Film Dus von 1997, der aufgrund des Todes von Regisseur Mukul Anand leider nie vollendet wurde) und werfen sich gegenseitig die Bälle zu, dass es eine Freude ist. Ein Running Gag in der liebevollen Bruderbeziehung von Vicky und Prem sind die Hinweise auf das regelmäßige Fitness-Training der beiden, die in diesem Fall geradezu aus dem Leben gegriffen sind: Wenn Sanjay, der als erster Schauspieler des Hindi Cinema einen durchtrainierten muskulösen Oberkörper auf der Leinwand salonfähig gemacht hat, als großer Bruder den Trainingsstand von Salman checkt, der nach ihm zum Inbegriff des muskelbepackten Bollywood-Hero geworden ist, dann passt das wie die Faust aufs Auge. Es spricht übrigens für das Selbstbewusstsein Sanjays, dass er Salman in diesem Film muskelschaumäßig den Vortritt lässt, obwohl er sich mit seinen mittlerweile 41 Jahren keineswegs hinter seinem sechs Jahre jüngeren Partner zu verstecken brauchte, wie die köstliche Szene am Swimming-Pool beweist, wo sich beide Brüder vor Sapna aufbauen und sie auffordern zu entscheiden, wer von ihnen den besseren Body habe (und Sapna sich mit einer geradezu genialen Antwort aus der Affäre zieht).

Sanjay macht sich einmal mehr wunderbar als Autoritätsfigur, sei es im Büro, wo er durchaus auch den unangenehmen Boss herauskehren kann, wenn es sein muss, oder als großer Bruder mit Beschützerfunktion, um den man Salman nur beneiden kann. Salman ist erneut der quirlige Temperamentsbolzen, über dessen Betrunkenenszenen ich zwar lieber den Mantel des Schweigens breiten möchte – aber dafür ist die Tempelszene, in der Prem um das Leben seines schwer verletzten Bruders betet, umso schöner: eine gelungene Mischung aus Witz und Ernst. Karisma ist schlichtweg bezaubernd: ein liebenswertes Schusselchen, dem man einfach nicht böse sein kann, wenn mal wieder was danebengeht. Auch der Rest des Casts ist in blendender Spiellaune, von Dalip Tahil als angegrautem Papa mit durchaus noch vorhandenen Relikten eines Casanova-Potentials über Shakti Kapoor als Sapnas Onkel Mamaji, der nach einer Anfangsszene, die zu schlimmsten Chargenbefürchtungen Anlass gibt, zum Glück schnell die Kurve kriegt, bis hin zu Sonali Bendre in ihrem Winzauftritt als Vickys Verflossene und zu Twinkle Khanna in einer Special Appearance, für die ich Drehbuchschreiber Ikram Akhtar küssen könnte...

Chal Mere Bhai (= Komm, mein Bruder) ist ein netter kleiner Gute-Laune-Film für zwischendurch. Sollte sich jemand trotz Karisma, Sanju und Sallu langweilen, kann er sich ja die Zeit damit vertreiben, die Anspielungen auf andere Schauspieler und Filme zu zählen; Dilip Kumar und Amitabh Bachchan sind „Dauergäste“ in Chal Mere Bhai, und Sushma Seth blickt bei ihrer Suche nach einer Heiratskandidatin für Vicky auch auf ein Foto des Filmstars Mallika aus Mast. (Schade, dass sie ablehnend reagiert – wo Sanjay und Urmila Matondkar doch in Daud und Khoobsurat jeweils so ein schönes Pärchen waren... *g*)

Produktion: Nitin Manmohan; Regie: David Dhawan
135 Min.; DVD: Eros, englische UT (inkl. Songs), setzen an ein paar Stellen viel zu früh ein
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Donnerstag, 25. Januar 2007

Baaghi (2000)

Zur Story: Professor Vidyashankar Pandey (Shivaji Satham) zieht mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn Surya in eine Mumbaier Gegend, die von dem Ganoven Raja (Sanjay Dutt) kontrolliert wird. Raja kann zwar sehr unangenehm werden, wenn ihm jemand Ärger bereitet, hat aber im Grunde ein gutes Herz. Der kleine Surya bewundert ihn restlos und wünscht sich, einmal so zu werden wie er. Als er eines Tages Raja einen unschätzbaren Dienst erweisen kann, schließt Raja Freundschaft mit dem Jungen und liebt ihn fortan wie einen kleinen Bruder – sehr zum Ärger des Vaters: Er wirft Raja vor, seinen Sohn zu einem Taugenichts machen zu wollen, wie er selbst einer sei, während Raja sich vielmehr bemüht, Surya aus seiner Welt herauszuhalten. Als Surya (Inder Kumar) erwachsen geworden ist und sich verliebt, hilft Raja ihm, seine Angebetete zu erobern. Doch als Surya ihm sein Mädchen präsentiert, fällt Raja aus allen Wolken: Es ist Kiran (Tina Sen), die Schwester seines skrupellosen Bosses Vikram (Aditya Pancholi), der sie längst einem anderen versprochen hat und Surya offen mit dem Tod droht, falls der nicht von Kiran lasse. Nun steht Raja zwischen allen Fronten...

„This is a mean world – no one cares for anyone“ ist einer von Rajas Wahlsprüchen. Wobei er selbst diese seine Aussage permanent widerlegt, indem er sich liebevoll um seinen Wahlbruder Surya kümmert und auch dessen Vater durch die Bank den geforderten Respekt erweist. Dass dieser in seinem vorurteilsverhafteten Starrsinn viel zu lange blind für die menschlichen Qualitäten Rajas bleibt, ist daher umso bitterer. Shivaji Satham, der mit Sanjay in Vaastav ein tolles Vater-Sohn-Duo gebildet hatte, ist wie geschaffen für solche Rollen, und auch diesmal ist die Spannung zwischen ihm und Sanjay manchmal geradezu sichtbar. Inder Kumar ist endlich mal wieder ein wirklich guter Vertreter der Kategorie „jüngerer Sanjay-Bruder“ (wenn ich bedenke, mit was für talentfreien Trantüten sich Sanjay da schon rumschlagen musste...), spielt mit sympathischer Hingabe und Leidenschaft, und es ist unendlich schade, dass man ihn dafür mit einer Partnerin wie Tina Sen abgestraft hat, die wie seine Tante aussieht, die den Kleiderschrank ihrer Teenager-Nichte geplündert hat. (Offenbar blieb das Tina Sens einziges Gastspiel vor der Kamera – wünschenswert wäre es jedenfalls.) Aditya Pancholi, auch er mit Sanjay nach Aatish bestens vertraut, kann an seine gute Leistung in jenem Film nicht ganz anknüpfen; als skrupelloser Gangsterboss stößt er in einigen Szenen denn doch an seine Grenzen und muss geradezu aufpassen, von Sanjay, der während des Films zu einer atemberaubenden Hochform aufläuft, nicht ungewollt überrollt zu werden.

Denn Sanjay legt in Baaghi mal wieder eine Power an den Tag, die einen umhaut. Ich liebe es, wenn Sanju Gangster mit Herz spielt – und der Raja in Baaghi ist das vielleicht beste und ergreifendste Beispiel für diesen Rollentyp. Obwohl er ein Gangster ist, obwohl er seine Nahkampfqualitäten ebenso einzusetzen weiß wie die Knarre, hat Raja die Sympathien von Anfang an auf seiner Seite – er beweist sowohl positive Bruder- (Surya) als auch Sohnqualitäten (Professor Pandey), und man ahnt früh, dass es in seiner Vergangenheit ein einschneidendes und prägendes Erlebnis gegeben haben muss. Und wenn man dann im zweiten Teil des Filmes endlich erfährt, was es mit der Frau auf sich hat, deren Bild Raja ständig bei sich trägt – Rani (Manisha Koirala) – und wie er zu dem geworden ist, was er heute ist, wie es dazu kam, dass er zum Killer wurde, wofür ihn die Gesellschaft heute mit Verachtung straft, dann möchte man vor Mitleid und ohnmächtiger Wut nur noch heulen.

Baaghi ist ein starker Film und Sanjays geballte Gefühlskraft darin wieder einmal eine Wucht. Mein Gott, was kann der Mann allein mit seinen Augen alles ausdrücken! Nicht nur für Sanjay-Fans ein Must-See.

Produktion: Ramesh Sharma; Regie: Rajesh Kumaar Singh
162 Min.; DVD: Bollywood Entertainment, englische UT (inkl. Songs)

Montag, 22. Januar 2007

Khauff (2000)

Zur Story: Die Stewardess Neha Verma (Manisha Koirala) aus Goa nimmt in Mumbai an der Verlobungsfeier ihrer Freundin Ritu Pereira (Simran) mit Inspector Arjun (Sharad Kapoor) teil. Auf der Heimfahrt wird sie Zeugin, wie der ACP Jaidev Singh (Mukesh Khanna) umgebracht wird. Auf der Polizeistation identifiziert sie den Täter: Es ist Samrat (Parmeet Sethi), der Sohn des Politikers Singhania (Suresh Oberoi). Um zu verhindern, dass Neha ihre Aussage vor Gericht wiederholt, setzt Singhania den Killer Babu (Sanjay Dutt) auf Neha an. Als Vicky versucht Babu es zunächst auf die charmante Tour, und tatsächlich ist Neha bald bereit, auf den Gang zum Gericht zu verzichten und stattdessen am gleichen Tag Vicky zu heiraten. Doch die Witwe des getöteten Polizisten (Farida Jalal) redet so lange auf Neha ein, bis diese nachgibt und ihre Aussage vor Gericht macht. Daraufhin steht Babu bei seinen Auftraggebern unter Druck und fährt nun schärfere Geschütze auf, um Neha zum Widerruf ihrer Aussage zu bewegen: Er enthüllt ihr seine wahre Identität als Killer und tötet zum Beweis vor ihren Augen eiskalt seinen Freund Raja (Rajesh Joshi) – womit er allerdings lediglich erreicht, dass Nehas Liebe zu ihm in Hass umschlägt und sie nun erst recht bereit ist, an ihrer Aussage festzuhalten. Doch Babu hat noch ein Ass im Ärmel...

Khauff (= Terror, Schrecken) war nach Aatish die zweite Zusammenarbeit Sanjus mit dem Regisseur Sanjay Gupta, der noch im gleichen Jahr mit Jung ein weiterer gemeinsamer Film dieser beiden Freunde folgen sollte. In Khauff präsentiert sich Sanju in einem Rollentyp, der zu einem seiner Markenzeichen werden sollte: der (meist coole) Gangster/Killer, der einerseits kaltblütig seiner Profession nachgeht, andererseits jedoch auch Gefühle an den Tag legt und deshalb selbst bei schlimmsten Untaten einen gewissen Sympathiebonus beim Publikum behält. Vermutlich hat diese emotionale Facette bewirkt, dass Sanju mit diesem Gangsterimage leben konnte – immerhin war damals allgemein bekannt, dass der „Khalnayak“ der Beihilfe zu einer terroristischen Verschwörung angeklagt war und in diesem Zusammenhang bereits knapp anderthalb Jahre im Knast verbracht hatte, und nicht jeder Kinobesucher macht sich die Mühe, Fiktion und Realität auseinanderzuhalten. Dass Sanju unter diesen Umständen keine Skrupel hatte, in seinen Filmen Sätze zu sagen wie „In Mumbai leben Kriminelle wie ich, Killer, die im Auftrag von Unterwelt-Dons arbeiten“, beweist eine gehörige Portion Mut – oder zumindest Chuzpe.

Khauff ist übrigens ein Spätzügler, wie man an Sanjus Haaren unschwer erkennen kann: Während zum Zeitpunkt des Khauff-Releases bereits Filme wie Vaastav oder Khoobsurat in den Kinos liefen, in denen Sanju ausschließlich mit Kurzhaarfrisur zu sehen ist, wurde der überwiegende Teil der Khauff-Szenen noch vor 1998 gedreht, so dass wir Sanju noch einmal mit wechselnder Haarlänge erleben dürfen – ein leiser Schwanengesang auf die Puma-Zeiten (nach denen man sich jedoch, was seine Physis betrifft, noch nicht zurücksehnen muss – in Khauff präsentiert sich Sanju mit seinen knapp vierzig Jahren so hot wie selten!). Aber Sanju befindet sich in guter Gesellschaft, denn auch Manisha zeigt sich in fast jeder Einstellung mit anderem Haarschnitt und anderer Haarlänge. Von ihren wundersamen Wundheilungen in einer späten Szene des Films ganz zu schweigen. Logische Anschlüsse kümmerten Gupta offenbar wenig, ihm ging es mehr darum, eine bewegende und spannende Geschichte zu erzählen. Und das gelang ihm dank seiner beiden Hauptdarsteller, die nach Kartoos (und zeitgleich mit Baaghi) erneut toll zusammenspielten – diesmal sogar noch intensiver, da Manisha Sanju in Khauff mehr Paroli bieten darf als in Kartoos. Von der starken Schlussszene der beiden ganz zu schweigen – allein schon wegen ihr lohnt sich der Film. Aber auch Sanjus heiße Tanznummer „O Gori Gori“ oder die Special Appearance seiner früheren Traumpartnerin Raveena Tandon in dem Clip „Nach Baby Nach Kudi“ sind reelle Argumente, die für Khauff sprechen. Und natürlich, nicht zu vergessen, die eiskalten Augen des Killers Babu... *fröstel*

Produktion: Vijay Tolani; Regie: Sanjay Gupta
126 Min.; DVD: Eros, englische UT (Songs nicht untertitelt); im Anschluss ein Interview mit Sanjay Gupta + Songtrailer
Haarfaktor

Khoobsurat (1999)

Zur Story: Der Kleinganove Sanju (Sanjay Dutt) ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und hat nie erfahren, wie es ist, in einer richtigen Familie zu leben. Er ist auch jetzt noch dem Waisenhaus verbunden und bedenkt es regelmäßig mit Spenden. Als er eines Tages dem Drogenboss Jogiya Seth (Paresh Rawal) ein Geschäft vermasselt, entführt dieser ein kleines Mädchen aus dem Waisenhaus und erpresst damit Sanju, ihm den Schaden zu ersetzen: Innerhalb eines Monats muss Sanju fünf Millionen Rupien auftreiben. Sein Kumpel Natwar (Johny Lever) hat eine Idee: Sanju soll die Identität von Sanjay Shastri, einem entfernten amerikanischen Verwandten der reichen Industriellenfamilie Choudhary, annehmen, sich damit Zugang zu derem Haus verschaffen und sie berauben. Tatsächlich nimmt die Großfamilie mit Dadaji Dinanath (Anjaan Srivastav) und Dadiji Sudha (Farida Jalal) an der Spitze Sanju bei sich auf, und bald mögen alle den unkonventionellen Kerl, der es mühelos schafft, große und kleine familiäre Probleme zu lösen. Vor allem das schüchterne Mauerblümchen Shivani (Urmila Matondkar), die Tochter von Dinanaths ältestem Sohn Dilip (Om Puri), blüht unter Sanjus Anleitung zu einer lebensfrohen und selbstbewussten Schönheit auf. Sanju wird immer mehr bewusst, wie sehr ihm diese Familie ans Herz gewachsen ist. Aber noch immer hat Jogiya die kleine Munni in seiner Gewalt...

Khoobsurat (= Schön) ist ein richtiger Feelgood-Film, in dem Sanjay als Gauner mit Herz eigentlich eine Familie betrügen will, stattdessen aber Liebe und Sonnenschein in das Haus bringt, in dem jeder mit jedem zerstritten ist, und einen nach dem anderen mit dem Rest der Familie aussöhnt. Und außerdem einem Mauerblümchen beibringt, sich schön zu finden und sich dem Leben zu stellen. Da weht schon ein bisschen der Aman-Geist von Kal Ho Naa Ho voraus (wetten, dass Karan Johar den Film gesehen hat?)... Sanju ist eine sehr liebevoll gestaltete Filmfigur, eine gesunde Mischung aus Engelchen und Teufelchen, und wenn Natwar in der Schlussszene zu Sanju sagt: "Dein Herz ist deine Schwäche und deine Stärke", dann bringt er die Sache exakt auf den Punkt.

Mit Urmila Matondkar harmoniert Sanjay ein zweites Mal nach Daud wunderbar zusammen, und auch der Rest der Choudhary-Familie ist sympathisch besetzt, so dass es einfach Spaß macht, zuzusehen, wie ein Mann, der nie ein Familienleben gekannt hat, zum einen diese neue Erfahrung in seinem Leben genießt und zum anderen auch der Familie selbst neue Lebensinhalte vermittelt. Der einzige kleine Wermutstropfen des Drehbuchs ist die Tatsache, dass während der ganzen zwei Monate, die Sanju bei den Choudharys verbingt, die kleine Munni in Jogiyas Gefangenschaft bleiben muss. An ihre Leiden denkt zum Schluss niemand.

Sanjay kann in diesem Film zur Abwechslung mal wieder seinen Humor und seine Sympathiewerte ausspielen, und natürlich seine Emotionen – vor allem am Ende des Films lässt er sich einmal mehr ins Innerste seiner Seele blicken, wie es so einfach nur er vermag. Seine Outfits sind ein Wechselbad der Gefühle – von Trägershirts, in denen er selbst mit vierzig immer noch hot aussieht, über coole Motorradkluft mit Sonnenbrille (beim von Sanjay selbst gestalteten Song "Aye Shivani") und Schweizerhut (zum Brüllen!) bis zu Spitzen- und Rüschenhemden, die er seinem Kostümbildner um die Ohren hätte hauen sollen, anstatt sie zu tragen. Und wenn wir schon mal am Nörgeln sind: Selten ist es so ärgerlich, wenn die Songs ohne Untertitel bleiben, wie in diesem Fall. Da bringt Sanju Shivani sechs der sieben Schritte zur Liebe bei (den siebten soll sie selbst herausfinden) – aber da dies in einem Song geschieht und WEG Untertitel nicht für nötig gehalten hat, bleiben diese sechs Schritte Sanjus und Shivanis Geheimnis. Eigentlich inakzeptabel.*

Aber sei’s drum. Dem Filmgenuss insgesamt tut dieses Manko keinen Abbruch, dafür sorgt ein glänzend aufgelegtes Ensemble rund um einen herausragenden Sanjay Dutt. Während des Films gibt es viel zu lachen, aber für den Schluss sollte man genügend Taschentücher bereithalten. Einfach nur khoobsurat!

Produktion: Rahul Sughand; Regie: Sanjay Chhel
154 Min.; DVD: WEG, englische UT (Songs nicht untertitelt)
Screenshots

*Zum Glück gibt es mittlerweile auch einen Shemaroo-Release - und der hat es besser gemacht: Die Songs sind untertitelt. Danke!

Sonntag, 21. Januar 2007

Vaastav (1999)

Zur Story: Raghunath Namdev Shivalkar, genannt Raghu (Sanjay Dutt) schafft – im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder Vijay (Mohnish Bahl) und zum Kummer seines Vaters Namdev (Shivaji Satham) – keinen Schulabschluss und startet zusammen mit seinem Freund Shorty (Sanjay Narvekar) eine Imbissbude, die auch ganz gut läuft, bis Shorty sich eines Nachts mit Mitgliedern der Bandya-Bande anlegt und Raghu, als er ihm zu Hilfe kommen will, unabsichtlich den Bruder Bandyas tötet. Ihr Freund Kishore Kadam (Deepak Tijori), der als Sub-Inspektor bei der Polizei arbeitet, rät Raghu und Shorty davon ab, sich der Polizei zu stellen, da diese von Bandya gekauft sei, und begibt die beiden in den Schutz eines anderen Dons, „One-Eye“ Vittal Kaanya (Ashish Vidyarthi). Bei einem durch den Vermittler Suleiman Bhai (Paresh Rawal) arrangierten Treffen will Bandya Raghu töten, doch Raghu kommt ihm zuvor und akzeptiert allmählich, dass es für ihn nunmehr keinen Weg zurück mehr gibt. Er steigt zum mächtigen Don Raghubhai auf und erledigt schmutzige Geschäfte für den Home Minister Babbanrao Kadam (Mohan Joshi). Seine Versuche, trotzdem Kontakt zu seiner Familie zu halten, scheitern vor allem am Widerstand seiner Mutter Shanta (Reema Lagoo), die Raghu seine kriminellen Taten nicht verzeihen kann. Ein Lichtblick in Raghus Leben ist die Prostituierte Sonu (Namrata Shirodkar), die er aus einem Bordell holt und heiratet und die ihm seinen Sohn Rohit schenkt. Doch sie kann nicht verhindern, dass Raghu, der ohne Alkohol und Drogen längst nicht mehr klarkommt, allmählich immer mehr abrutscht...

Achtzehn Jahre lang hatte sich Sanjay Dutt, allen Hindernissen durch private Schicksalsschläge zum Trotz, eine bemerkenswerte Filmkarriere erarbeitet; bei den Award-Verleihungen jedoch hatte man ihn in all diesen Jahren geflissentlich übersehen. Im Jahr 2000 dagegen hagelte es plötzlich Preise und Auszeichnungen für ihn, und das nicht nur deshalb zu Recht, weil diese Form der Anerkennung überfällig war, sondern vor allem auch deswegen, weil Sanjus Leistung in Vaastav - The Reality wirklich derart grandios ist, dass sie Filmgeschichte schrieb. Sein Raghubhai bescherte ihm den Filmfare und den Star Screen Award als bester Schauspieler sowie den Award for Artistic Excellence der International Indian Film Academy und katapultierte ihn endgültig in den Olymp der ganz großen Stars und Charakterdarsteller des Hindi Cinema.

Am Anfang scheint es noch, als sollte Raghu Sanjays (nach Naam und Sarphira) dritte Cal-Rolle à la East of Eden werden – ein junger Mann mit im Prinzip gutem Herzen, aber zum Kummer seines Vaters ein Taugenichts mit Hang zu Kleindelikten. Aber schon nach kurzer Zeit überschlagen sich die Ereignisse, und Sanjay stürzt sein Publikum für den Rest des Filmes in ein einziges großes Wechselbad der Gefühle. Man ist immer wieder geneigt, auf seiner Seite zu bleiben, weil er nicht von Natur aus ein Krimineller ist, weil ihm seine Familie und seine Freunde immer über alles gehen, weil er selbst auf dem Höhepunkt seiner Macht noch gewisse Werte in sich am Leben erhält – aber andererseits, wie kann man das, wenn er im gleichen Atemzug Untaten von beispielloser Gnadenlosigkeit begeht, eiskalt Kinder mit dem Tod bedroht und ohne mit der Wimper zu zucken Menschen über den Haufen schießt? Soll, kann, darf man mit diesem Raghubhai mitfühlen, obwohl man ihm manchmal wie die Frau jenes Parsen ins Gesicht spucken will? Oder muss man ihn hassen und verachten, obwohl man ihn in den Arm nehmen und trösten möchte, wenn er bittere Tränen über sein verpfuschtes Leben vergießt, in dem es für ihn keine Umkehr mehr gibt, oder wenn er schließlich, ein Drogenwrack, schlaflos und voller Todesangst dem Wahnsinn entgegentreibt?

Selten hat sich Sanjay derart mit Haut und Haaren einer Rolle verschrieben wie in Vaastav. Er spielt den Raghubhai nicht, er ist diese Figur mit all ihren Facetten. Man kann das nicht beschreiben, man muss diese Leistung gesehen haben; die Awards dafür sind jedenfalls mehr als verdient. Aber auch Sanjays Co-Stars sind sehr gut, wobei an allererster Stelle die Darsteller der Eltern genannt werden müssen, Shivaji Satham (die Aussöhnungsszene zwischen ihm und Sanjay rührt zu Tränen) und Reema Lagoo (die vor allem in dem ungewöhnlichen Finale eine tragende Rolle spielt). Namrata Shirodkar hat leider etwas wenig Screentime bekommen, aber dennoch gelingt ihr ein berührendes Porträt der Prostituierten Sonia, deren Szene mit einem am Rande des Wahnsinns stehenden Raghu zu den Höhepunkten des Films gerechnet werden muss. Und ein Sonderlob geht an Paresh Rawal für seinen starken Friedensvermittler Suleiman.

Vaastav ist ein absolut grandioser und herausragender Film, der ohne Frage zu Sanjus besten Leistungen zählt. Mahesh Manjrekar hat einen tollen Job gemacht, zu dem man ihm gratulieren muss (der etwas unpassende Clip in der Schweiz ist nicht seine Schuld, der war ein Zugeständnis an den Produzenten). Drei Jahre später drehte Mahesh mit Hathyar ein Sequel zu Vaastav, in dem er die Geschichte von Raghus Sohn Rohit erzählte. Für die Rolle des Rohit engagierte er - Sanjay Dutt.

Produktion: Deepak; Regie: Mahesh Manjrekar
146 Min.; DVD: Eros, englische UT (Songs nicht untertitelt)

Haseena Maan Jaayegi (1999)

Zur Story: Der Millionär Seth Amirchand (Kader Khan) hat die Nase voll von seinen beiden nichtsnutzigen Söhnen Sonu (Sanjay Dutt) und Monu (Govinda). Er trennt das verschworene Duo, verdonnert Monu zu Büroarbeit und schickt Sonu nach Goa, um dort Schulden einzutreiben. Dabei gerät Sonu versehentlich in das Haus von Gulzarilal Verma (Anupam Kher), verliebt sich in dessen Tochter Pooja (Pooja Batra), und da er es für keine gute Idee hält, seinen Vater für Heiratsbesprechungen nach Goa zu zitieren, bittet er Monu um Hilfe. Dieser begibt sich umgehend ebenfalls nach Goa und gibt sich, auf alt getrimmt, als Sonus Onkel aus, um die Verlobung voranzutreiben. Dabei ergeben sich für Monu zwei Probleme: Zum einen erkennt er in Poojas jüngerer Schwester Ritu (Karisma Kapoor) das Mädchen wieder, an das er schon lange sein Herz verloren hat, und muss nun fortan ein Doppelleben führen, um sie zu erobern – und zum anderen verliebt sich Gulzarilals Schwester Santo (Aruna Irani) in den Onkel, und Gulzarilal will seine Töchter erst verheiraten, wenn er seine Schwester an den Mann gebracht hat...

Wenn etwas Sanjays Filmkarriere auszeichnet, dann seine Unvoraussagbarkeit. Auch wenn man heute bei seinem Namen meist als erstes an Gangsterrollen denkt, aber Schubladen hat Sanju von Anfang an gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Schaut man sich allein die sieben in den Jahren 1998 und 1999 veröffentlichten Filme an, so findet man so unterschiedliche Rollentypen wie den blinden und innerlichen zerrissenen Major in Dushman, den gnadenlosen Action-Rächer in Daag, den aus Liebe zum Pazifisten konvertierenden Mörder in Kartoos, den sympathischen Dschungel-Haudegen in Safari, den facettenreichen Unterwelt-Don in Vaastav, den Kleinganoven mit Herz in Khoobsurat und den liebenswerten Nichtsnutz in Haseena Maan Jaayegi. Sanjus Vielseitigkeit ist eines seiner Markenzeichen, und das nicht nur in Bezug auf sein Rollen-Repertoire: Er spielt, tanzt – und seit 1999 singt er auch. Der HMJ-Song „Sharmana Chod Daal“, für den er gemeinsam mit Govinda ins Aufnahmestudio ging, war einer von Sanjus ersten Einsätzen als Playback-Sänger; mittlerweile hat er auf diesem Gebiet Fähigkeiten erreicht, die ihm sogar Angebote außerhalb seiner eigenen Soundtracks einbringen.

Schauspielerisch war Haseena Maan Jaayegi für Sanjay jedoch keine Herausforderung. Neben dem Comedy-Timing mit Govinda, das wohl auch aufgrund ihrer früheren mehrfachen Zusammenarbeit bestens funktionierte, bestand die Kunst für ihn vor allem darin, den Zuschauer ernsthaft glauben zu machen, dass man sich auf den ersten Blick in eine langweilige Puppe wie Pooja Batra verlieben kann. Davon abgesehen, dass sich wohl noch nie eine Frau in einem Hindi-Film unmotivierter verliebt hat als diese Pooja: Gerade eben ist sie noch sauer auf Sonu, und dann geht sie hin und küsst ihn ohne Umschweife so richtig verliebt? Sorry, aber das begreife, wer will. Auch ansonsten weist das Drehbuch Züge auf, die einem den Filmgenuss – und insgesamt ist der Film unterhaltend, keine Frage – zwischenzeitlich durchaus verleiden können; dass z.B. die Tante reiferen Alters sich in den angeblichen Onkel verliebt, ist okay, aber das Ganze so weit gehen zu lassen, dass man ernsthaft Verlobung feiert mit allem dazugehörigen Pomp und Tschingdarassa und dann anschließend den Onkel um die Ecke bringt und die Tante mit gebrochenem Herzen vor dem Bild ihres „toten Verlobten“ weinen lässt, das ist für mich nicht mehr komisch, sondern ein böses Spiel mit den Gefühlen anderer, über das ich nicht mehr lachen kann.

Zum Glück halten sich diese Minuspunkte insgesamt in Grenzen, so dass man sich den Film durchaus genehmigen kann, wenn man mal Lust auf anspruchslose Unterhaltung hat – zumal Govinda in seiner Onkelverkleidung wirklich köstlich ist und in Karisma Kapoor eine entschieden talentiertere Partnerin hat als sein Filmbruder. Auch der Rest des Ensembles präsentiert sich in glänzender Spiellaune: Kader Khan ist der sympathische Vater, der sich zwar nicht alles bieten lässt, seinen Söhnen jedoch trotz des Unfugs, den sie auch mit ihm ständig treiben, nie so richtig böse sein kann; Anupam Kher dreht mal wieder volle Pulle auf (warum man seine Aktionen jedoch ständig mit Krähengeschrei begleiten musste, entzieht sich meinem Verständnis); Paresh Rawal gibt den loyalen und übertrieben wachsamen Diener Gulzarilals, während Satish Kaushik als sein Pendant bei Amirchand ein bedauernswertes Würstchen ist, das immer nur einstecken muss; und massenweise Sympathiepunkte sammelt Aruna Irani als (zu Dil To Pagal Hai-Klängen) verliebte Tante, der, wie gesagt, übel mitgespielt wird und die dennoch am Ende verständnisvolle Miene zum bösen Spiel macht. Haseena Maan Jaayegi ist kein Meisterwerk, an den Kinokassen Indiens war er jedoch ein voller Erfolg.

Produktion: Smita Thackeray; Regie: David Dhawan
151 Min.; DVD: Eros, englische UT (Songs nicht untertitelt)

Samstag, 20. Januar 2007

Safari (1999)

Zur Story: Anjali Agrawal (Juhi Chawla) ist eine moderne Geschäftsfrau im Unternehmen ihrer Eltern Asha (Tanuja) und Ajit Agrawal (Suresh Oberoi). Als eine Fabrik im Dschungel von Manjira (einer Insel westlich der Südspitze Indiens) geplant wird, reist Anju dorthin und sucht mit einem kleinen Doppeldecker nach einem geeigneten Standort. Dabei stürzt die Propellermücke mitten im Dschungel ab. In dieser misslichen Lage findet Anju Hilfe durch den auf der ganzen Insel bekannten Haudegen Captain Kishen (Sanjay Dutt), der offenbar sein ganzes Leben im Dschungel verbracht hat. Auf einer abenteuerlichen Odyssee bringt Kishen Anju zurück zum Ausgangspunkt ihrer Tour, von wo sie nach Mumbai zurückkehrt. Da Kishen sich in Anju verliebt hat, reist er ihr kurzerhand nach Mumbai nach. Dort trifft er jedoch nicht nur auf eine ihm völlig unbekannte Zivilisation, sondern in Shekhar Panchotia (Mohnish Bahl) auch auf einen hartnäckigen Rivalen um Anjus Gunst...

Auf diesen Film war ich so scharf, dass es mir egal war, dass er derzeit nur ohne Untertitel erhältlich ist. Erstens, weil schon bei dem DVD-Cover - Sanjay in Jeans und mit nacktem Oberkörper - meine weiblichen Hormone nur noch hemmungslos Samba tanzen, und zweitens, weil Sanju hier mit der von mir sehr geschätzten Juhi Chawla vor der Kamera stand und ich mir dieses Jodi einfach nicht entgehen lassen konnte. Natürlich ist es schade, dass mir eine Menge Wortwitz verborgen geblieben ist, aber insgesamt konnte ich der Handlung problemlos folgen. Außerdem lebt der Film sehr viel von Situationskomik - und die versteht man ebenso ohne Worte wie Juhis und Sanjus umwerfendes Mienenspiel.

Wenn die toughe Geschäftsfrau im Designerkostüm im Dschungel auf einen Naturburschen im Crocodile-Dundee-Outfit trifft, sind Konflikte ebenso vorprogrammiert wie bei einem Abstecher des besagten Naturburschen in die Großstadt, wo er zum ersten Mal in seinem Leben mit Phänomenen wie Fernbedienung oder Spültoilette konfrontiert wird. Juhi und Sanjay spielen das alles hinreißend und mit unverkennbarem Spaß an der Sache aus. Juhi ist ein Traum - ob mit Lederkappe und Fliegerbrille oder im reizvollen Eingeborenen-Outfit oder nach einem unfreiwilligen Schlammbad. Und Sanju - okay, ich versuch mal, meinen Hormonspiegel wieder runterzufahren, aber das ist nicht leicht, denn so viel Haut obenrum in einem Film hat er selten gezeigt, und er sieht nur mit Weste bzw. offener Jacke bzw. ohne beides einfach nur zum Ansabbern lecker aus. Juhi und Sanjay sind ein herrliches Jodi, auch in ihren gemeinsamen Tanznummern, wobei mir der Festtanz im Eingeborenendorf (einfach nur hot!) und der Regentanz auf Kishens Boot (Achtung Hüftschwung!) besonders gut gefielen.

Da der Film dem indischen Dschungel gewidmet ist, wird man zugleich auch noch durch ein paar wunderbare Landschafts- und Tieraufnahmen verwöhnt. Umso ärgerlicher sind - sorry, der Kritikpunkt muss sein - die beiden lächerlichen Krokodil- und Gorilla-Attrappen, gegen die Sanju seine Manneskraft und Nahkampfqualitäten einsetzen muss. Und eine Hintergrundmusik, die permanent das Khalnayak-Motiv zitiert (ist das denn niemandem aufgefallen??), wirkt auch etwas unpassend, da Sanjay in Safari eben keinen Schurken spielt, sondern einen rundum sympathischen Kerl, dem man das Happy-End mit Juhi von Herzen gönnt. Eine bezeichnende Szene für das weiche Herz Kishens: In Mumbai rettet er eines Nachts bei strömendem Regen ein süßes Hündchen, das sich auf das Dach seines Hauses verirrt hat, schützt dann das kleine Fellbündel mit seinem Hut gegen den Regen und versorgt es liebevoll - zum Dahinschmelzen!

Safari ist eine köstliche Mischung aus Crocodile Dundee, African Queen und Romancing the Stone, und ich hoffe sehr, dass der Film eines Tages auch mit Untertiteln erhältlich sein wird. Aber wer es nicht erwarten kann, dem sei noch einmal versichert: Dieser Film lebt viel von Situationskomik (ein Beispiel: Wie bringt man eine Frau wieder zu Bewusstsein, die vorübergehend umgekippt ist? Für Sanju kein Problem: Er zieht sich kurzerhand einen Socken vom Fuß und lässt ihn vor Juhis Nase baumeln...) - und natürlich von der umwerfenden Präsenz seiner beiden Hauptdarsteller (wobei man auch die z.T. blendend aufspielenden Co-Stars nicht vergessen darf), so dass man sich auch ohne Untertitel 167 Minuten lang bestens unterhalten kann. Mir jedenfalls gelang das bei Safari mühelos.

Produktion und Regie: Jyotin Goel
167 Min.; DVD: Premier Movies, ohne UT
Haarfaktor

Freitag, 19. Januar 2007

Kartoos (1999)

Zur Story: ACP Jay Suryavanshi (Jackie Shroff) ist besessen von seiner Aufgabe, den gefürchteten Terroristen Jagat Jogiya (Gulshan Grover) zur Strecke zu bringen. Da dieser sich jedoch mit seinen engsten Mitarbeitern nach London abgesetzt hat, greift Jay, mit Einverständnis seines Vorgesetzten, zu einer ungewöhnlichen Maßnahme: Er rettet den mehrfachen Mörder Jeet Balraj (Sanjay Dutt) vor dem Galgen, wobei er den Rest der Welt in dem Glauben lässt, die Hinrichtung sei vollzogen. Nun verschafft er Jeet eine neue Identität als Raja, setzt ihn auf die Terroristen an und verspricht ihm nach vollendeter Mission die Freiheit; dass er ihn stattdessen danach töten will, behält er wohlweislich für sich. Jeet geht auf den Deal ein und begibt sich, von Jay und seinen Mitarbeitern ständig überwacht, nach London. Doch die Begegnung mit der unschuldig-naiven Manpreet Kaur, genannt Minnie (Manisha Koirala), die keine Ahnung von seinem Beruf als Killer hat, verändert Jeets Leben: Mit ihr an seiner Seite fühlt er sich außerstande, weiter zu töten. Als Jay Wind davon bekommt, fliegt auch er nach London, um zu verhindern, dass Jeet aus seiner Mission aussteigt...

Böse Jungs bekehren sich im Hindi Cinema oft erstaunlich schnell, und krasse 180-Grad-Wendungen sind diesbezüglich durchaus üblich. Verglichen damit entwickelt sich Jeet Balrajs Metamorphose vom gnadenlosen Killer zum liebenden Pazifisten geradezu nachvollziehbar: Je mehr ihm bewusst wird, wieviel Minnie ihm bedeutet, desto schwerer tut er sich, den Finger am Abzug zu krümmen; und je unverhohlener ihm Minnie ihr Vertrauen und ihre Liebe schenkt (Manisha verleiht dieser Figur eine hinreißende natürliche Unschuld und ahnungslose Naivität), desto unmöglicher wird es ihm, Menschen zu töten und danach Minnies Augen zu begegnen. Eine Aufgabe wie geschaffen für den Emotionalisten Sanjay Dutt, der denn auch vor allem im letzten Filmdrittel eine starke Szene an die nächste reiht; seien es die Tränen, die ihm nach der Eliminierung eines Schurken über die Wangen laufen, sei es die flehentliche Bitte an Jackie, ihn lieber zu töten als zum Weitermachen zu zwingen, sei es die irrsinnig berührende Szene, in der er Manisha seine wahre Identität enthüllt, oder schließlich der Showdown zwischen ihm, Jackie und Manisha, bei dem noch einmal sämtliche Emotionen hochkochen.

Die bis zuletzt anhaltende Spannung verdankt sich neben Sanjus bewegender Leistung natürlich auch seinem starken Gegenspieler. Von allen Cops, die Jackie Shroff je gespielt hat, dürfte Jay Suryavanshi einer der härtesten und kältesten sein. Die Chemie zwischen Sanjay und ihm hatte einige Jahre zuvor in Khalnayak schon gestimmt, und hier ist sie sogar noch einen Tick besser, weil die beiden mehr direkte Interaktionen haben und sich auch dadurch die Entwicklung von Sanjays Figur sehr gut nachvollziehen lässt.

Kartoos (= Gewehrpatrone) ist dank seiner drei Hauptdarsteller und einiger emotional sehr starker Szenen jederzeit eine Empfehlung wert; daran kann weder eine ästhetisch gar absonderliche Traum-Tanzszene mitten in dem Film etwas ändern noch – Haarphobisten seien gewarnt – Sanjus Look in seinen ersten Szenen, in denen er als zum Tode verurteilter Mörder mit ganz langer Zottelmähne und Vollbart (und mit blauen Kontaktlinsen, deren Sinn und Zweck ich noch nicht durchschaut habe) herumläuft – ein echter Reservechristus von Oberammergau. Nur dass er nicht ganz so heilig ausschaut. *g*

Produktion: Firoz A. Nadiadwala; Regie: Mahesh Bhatt
130 Min.; DVD: 21st Century, englische UT (inkl. Songs)
Haarfaktor

Daag - The Fire (1999)

Zur Story: Ravi Verma (Chandrachur Singh) ist ein skrupel- und gewissenloser Anwalt. Seine besten Kunden sind sein Schwiegervater Tejeshwar Singhal (Raj Babbar) und dessen Freunde, denen Ravi ihre illegalen Geschäfte führt. Als der städtische Commissioner Satya Prakash (Shivaji Satham) sich ihren Machenschaften in den Weg stellt, bringt Ravi ihn unter falschen und entehrenden Anschuldigungen ins Gefängnis, wo Singhal ihn ermorden und das Ganze als Selbstmord darstellen lässt. Prakashs Sohn, der Elitesoldat Karan (Sanjay Dutt), ist von der Unschuld seines Vaters überzeugt und schwört den Mördern bittere Rache. Kaltblütig schießt er Ravi auf offener Straße nieder, wobei auch dessen Frau Kajal (Mahima Chaudhary) tödlich getroffen wird. Während Karan sich der Polizei, angeführt von seinem zukünftigen Schwager Inspector Vinay (Sachin Khedekar), durch Flucht entzieht, kann Ravi gerettet werden, verliert jedoch sein Gedächtnis. Als er es im Sanatorium von Dr. Anand (Shakti Kapoor) mit Hilfe der Tänzerin Kajri (Mahima Chaudhary), einem Ebenbild seiner toten Frau, wiedererlangt, ist er ein veränderter Mensch, der seine früheren Sünden bereut und büßen möchte. Doch in Karan brennt nach wie vor das Feuer der Rache...

Ich sehe ja ein, dass Sanju nicht immer die große Hauptrolle spielen muss, und wenn ein kleinerer Part eine interessante Aufgabe für ihn darstellt, dann bin ich die Letzte, die da etwas dagegen hätte. Aber dann sollte es ihm wenigstens vergönnt sein, gegen einen starken Partner anzuspielen und nicht gegen einen Chandrachur Singh, der über weite Strecken die Ausstrahlung einer Schlaftablette hat (auch wenn Daag neben Maachis sogar eine der besseren Leistungen von ihm ist, die ich kenne) und kein wirklicher Gegner für einen intensiv aufspielenden Sanjay Dutt ist. Was hätte Daag für ein Top-Film werden können, hätte man den Ravi z.B. mit einem Shahrukh Khan oder Aamir Khan besetzt – da wäre die Post abgegangen, wenn die auf einen rachefunkelnden Gegenspieler wie Sanjay getroffen wären. Wenigstens stand an der Seite von Chandrachur mit Mahima Chaudhary eine tolle Frau, die die Doppelrolle der sanften Kajal, die vergeblich versucht, ihrem Mann ins Gewissen zu reden, und der temperamentvollen Kajri famos bewältigt. Ein kleines Sonderlob geht an Sachin Khedekar, der die Gewissensbisse des Mannes, der in seinem Dienst ausgerechnet gegen die Familie vorgehen muss, in die er einheiraten will, berührend durchscheinen lässt, und an Shakti Kapoor, der in der ruhigen Rolle des Arztes gegenüber seinen früheren, oft schrillen Schurkenrollen kaum wiederzuerkennen ist.

Sanju selbst wirkt auf den ersten Blick eigentlich fast unterfordert. Nach der Beisetzung seines Vaters sieht man ihn fast nur noch wild entschlossen und unaufhaltsam durch die Gegend laufen und aus beiden Händen Pistolen abfeuern. Eine Rückkehr zum früheren Action-Hero? Nein, eben nicht. Auch wenn das Rachefeuer in ihm noch so verständlich ist, aber das macht den Elitesoldaten, der nach den Worten seines Vaters sein Leben für die Wahrheit opfern kann, selbst gegenüber dem verbrecherischen Anwalt Ravi nicht zum moralisch überlegenen Helden. Als solcher hätte er bei seinem ersten Mordanschlag auf Ravi in dem Moment aufhören müssen zu feuern, als die erste Kugel Kajal traf, anstatt beide Magazine bewusst und gnadenlos in seine beiden Opfer zu pumpen. Er lässt auch niemals nur ansatzweise Reue erkennen, dass eine Unschuldige seiner Rachsucht zum Opfer gefallen ist. Natürlich lässt er immer wieder auch seine ehrenhaften Züge aufblitzen, aber insgesamt macht auch er Fehler und sieht sich am Ende gezwungen, gewaltig umzudenken. So wird der Karan für Sanju denn doch zu einer interessanten Charakterstudie. Vor allem in der Szene, in der er seinen Vater im Gefängnis aufsuchen will und findet, kann Sanju seine Emotionen wieder einmal voll ausspielen; vor allem aber ist Daag ein perfektes Studienmaterial, wenn man sich einmal mit der Ausdrucksvielfalt von Sanjus Augen befassen will. Diese Blicke! Diese unsagbar faszinierenden großen Augen! Selten wurden sie so intensiv in den Blickpunkt gerückt wie in Daag. Um das erleben zu können, kann man auch einen Chandrachur Singh mitnehmen.

Produktion und Regie: Raj Kanwar
165 Min.; DVD: Spark, englische UT (inkl. Songs), z.T. leicht versetzt

Donnerstag, 18. Januar 2007

Achanak (1998; Kurzauftritt)

In diesem Film hat Sanjay nur einen Kurzauftritt!

Zur Story: Der reiche, verwitwete Industrielle Yashpal Nanda (Saeed Jaffrey) lebt zusammen mit seinen Söhnen Vijay (Rahul Roy) und Arjun (Govinda), Vijays Frau Madhu (Farha Naaz) und Nilesh (Dalip Tahil), dem Ehemann von Nandas verstorbener Tochter Nisha. Auch Familienanwalt Saagar Srivastav (Paresh Rawal) gilt quasi als Mitglied dieser glücklichen Familie, der eine Vergrößerung ins Haus steht, als Arjun das Herz der hübschen Lehrerin Pooja (Manisha Koirala) erobert. In Shimla entgehen die beiden nur knapp einem Unfall – sie ahnen nicht, dass er ein gezielter Anschlag war. Denn der scheinbar so loyale Saagar hat nur ein Ziel: das Vermögen der Nandas. Er überzeugt Madhu von der angeblichen Untreue ihres Mannes; bei einer daraufhin ausbrechenden Auseinandersetzung wird Vijay von einer Kugel aus Madhus Revolver tödlich getroffen. Um Madhu vor der Mordanklage zu bewahren und die Familienehre zu retten, erpresst Saagar Pooja, die Tat auf sich zu nehmen und für Madhu ins Gefängnis zu gehen...

Achanak (= Plötzlich) beginnt als heitere Liebesromanze und endet als Intrigen-Thriller. Masala-Fans wird’s freuen, auch wenn die Geschichte vor allem in der zweiten Filmhälfte ziemlich krude gestrickt ist. Immerhin kann Govinda seine ganz Palette ausspielen, vom fast schrillen Komiker über den zwar übergewichtigen, aber dennoch flotten Tänzer und liebenswerten Kerl bis zum ernsthaften Charakterdarsteller. Seine Partnerin Manisha Koirala ist ebenfalls in Top-Form und Paresh Rawal einmal mehr so richtig schmierig-fies. Dennoch können alle drei nicht verhindern, dass Achanak ein Film ist, den man sich zwar durchaus mal anschauen kann, aber nicht muss. Nicht einmal als Fan von Shahrukh Khan und/oder Sanjay Dutt, die beide in der turbulenten Schlussszene, in der Govinda und Johny Lever die flüchtigen Schurken quer durch diverse Filmsets verfolgen, in winzigen Kurzauftritten sich selbst spielen. Das ist zwar ganz nett, aber keineswegs so sensationell, dass sie den Film dadurch auf eine Weise aufwerten würden, wie es z.B. Sanju fünf Jahre zuvor durch seinen grandiosen Qawali-Gastauftritt bei Meri Aan gemacht hat.

Für alle Sanju-Fans, die jetzt unschlüssig sind, ob sie Achanak brauchen oder nicht, biete ich als Entscheidungshilfe hiermit einen Spoiler von Sanjus Sekundenauftritt: Sanju sitzt am Set in seiner Garderobe – in Jeans, schwarzer offener Weste und mit schwarzer Tika –, wird zum Drehtermin gerufen und steigt aufs Pferd für eine Szene mit mehreren Reitern. Der Dreh wird jedoch versaut von Govinda und Johny, die auf ihrem Motorrad bzw. Fahrrad mitten durch die galoppierende Reiterhorde düsen. Worauf Sanju halb amüsiert, halb indigniert vom Pferd steigt und mit dem Kommentar „Das nennt ihr Dreharbeiten? Erst ein Motorrad, dann ein Fahrrad... Bringt das alles erstmal in Ordnung, ich gehe inzwischen eine Runde trainieren, okay?“ verschwindet. Das war’s dann auch schon. Ende der Geschichte. Eine nette Anspielung auf Sanjus regelmäßiges Muskeltraining, das er auch nach seinen Monaten im Gefängnis sichtbar fortgesetzt hat, aber mehr auch nicht. Ob euch dieser Winzauftritt den ganzen Film wert ist, müsst jetzt ihr entscheiden; ich halt mich da ganz klar raus. ;)

Produktion: Vijay Galani; Regie: Naresh Malhotra
156 Min.; DVD: Eros, englische UT (Songs nicht untertitelt)

Dushman (1998)

Zur Story: Die Zwillingsschwestern Sonia und Naina Saigal (Kajol) sind von ausgesprochen unterschiedlichem Charakter: Während Naina eher ruhig und traditionsverbunden ist, hat die temperamentvolle Sonia die Wirkung einer Atombombe – so jedenfalls empfindet es Kabir (Jas Arora), der einer Menge moralischer Unterstützung seitens Naina bedarf, um seiner angebeteten Sonia endlich seine Liebe zu gestehen. Doch nur wenig später wird Sonia von dem Postangestellten Gokul Pandit (Ashutosh Rana) brutal vergewaltigt und getötet. Während ihre Mutter (Tanvi Azmi) in einem Selbstschutz-Akt jeden Gedanken an den Killer abblockt, ist Naina von dem Gedanken besessen, den Täter zu finden. Mit ihrer Hilfe kann er tatsächlich gefasst werden, wird vor Gericht jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen und bedroht nun auch Nainas Leben. Auf ihrer verzweifelten Suche nach Selbstschutz wie auch nach Gerechtigkeit vertraut sich Naina dem blinden Ex-Major Suraj Singh Rathod (Sanjay Dutt) an, der trotz Hang zu Depressionen und Alkohol nicht verlernt hat, wie man kämpft, und Naina nun mental und physisch auf ihre nächste Begegnung mit Gokul vorbereitet...

Sanjay wird in den Credits „in a dynamic role“ angekündigt, was zunächst auf eine völlig falsche Fährte führt. Denn wer sich daraufhin eine dynamische, vor Temperament sprühende Figur vorstellt, den erwartet eine Überraschung: In erster Linie ist dieser blinde Suraj Singh Rathod eine eher zurückhaltende und ruhige Figur. Doch man merkt schnell, dass es in diesem Menschen teilweise furchtbar brodelt. Verbittert durch seine Hilflosigkeit hält er sich für keinen vollwertigen Menschen mehr und sucht in Fights und Alkoholexzessen gleichermaßen Ablenkung und Bestätigung seines immer noch vorhandenen Werts. Alles nur (Selbstschutz-)Fassade? Oder Auswüchse depressiver Phasen? Denn Naina gegenüber erweist sich Suraj vom ersten Moment an als aufrechter und vertrauenswürdiger Mensch, der ein Ohr für ihre Probleme hat und ihr dank seiner Lebenserfahrungen die Kraft geben kann, die sie in diesem Moment am allernötigsten braucht. Suraj kann nicht sehen, aber er kann fühlen, er kann verstehen, und er kann lieben. Vielleicht sollte man das Wort „dynamic“ im Sinne von „kraftvoll“ auffassen; damit kommt man der Figur und ihrer Umsetzung durch Sanju eher nahe.

Sanju spielt die innere Zerrissenheit dieses Majors facettenreich aus, ohne sich dabei zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Denn der Film gehört in erster Linie Kajol mit ihrer Doppelrolle, und für die hat sie jede Anerkennung verdient. Nicht nur, dass sie die von Trauer, Verzweiflung und z.T. nackter Todesangst getriebene Naina mit geradezu (selbst-)schonungsloser Intensität darstellt, sie hat darüber hinaus das Bravourstück fertiggebracht, die beiden Zwillingsschwestern derart unterschiedlich zu verkörpern, dass man glatt vergessen könnte, dass hier nur eine Schauspielerin am Werke war. Auch wenn die beiden Mädchen, ihrer Ähnlichkeit zum Trotz, sehr verschiedenartig auftreten – Naina in traditionellen Gewändern und mit langem Haar, Sonia in modischem Outfit und flotter Kurzhaarfrisur –, aber Kajol verlässt sich nicht nur auf diese Äußerlichkeiten und entwickelt für jede der beiden Figuren eine ganz bestimmte Mimik und Stimmfärbung. Toll gemacht. Ebenfalls großartig ist Ashutosh Rana, der damals noch ganz neu im Geschäft war, als psychopathischer Mörder mit stechendem Blick jedoch eine irrsinnig unter die Haut gehende Leistung ablieferte.

Natürlich stutzt man für einen Moment dann doch, wenn Suraj und Naina einander im Laufe ihrer Bekanntschaft allmählich näherkommen; immerhin trennt Sanju und Kajol ein Altersunterschied von sechzehn Jahren, und sie sind ganz bestimmt kein Ideal-Jodi. Es ist das Verdienst des durch die Bank weiblichen Produktionsteams und natürlich der beiden Darsteller, dass die beginnende Liebe der beiden von Anfang an glaubhaft rüberkommt. Suraj bewundert Naina für ihre Stärke und ihr liebenswertes Wesen, und für Naina ist Suraj nach dem furchtbaren Tod ihrer Schwester eine Säule geworden, an die sie sich mental und auch physisch anlehnen kann. Und Sanju (von seiner ganzen Art her ohnehin das perfekte Beschützer-Material) und Kajol harmonieren da durchaus zusammen – ich denke allein an die Szene, in der Naina Suraj gestattet, ihr Gesicht mit seinen Händen zu ertasten, und den darauf folgenden Gefühlsausbruch Surajs, der sich – Stichwort unvollständiger Mensch – einer Liebesbeziehung nicht für würdig hält. Sanju erweist sich dabei einmal mehr als ein Schauspieler mit Gespür für Emotionen, ebenso wie bei seinem nach außen zwar oft ruppigen Umgang mit seinem kleinen Gehilfen Bhim (ach ja, ehe ich es vergesse: ein großes Lob an den kleinen Kunal Khemu!), hinter dem sich jedoch sehr viel Liebe und Dankbarkeit verbergen. Sanjus Major ist ein Mann, der eigentlich keine Gefühle zeigen will – umso überwältigender wird es, wenn er es dann doch tut.

Dushman (= Feind) ist ein ausgesprochen sehenswerter Film, auch wenn er für manchen Sanjay-Fan auf einer Must-See-Liste über das obere Mittelfeld wohl nicht hinauskommen wird. Aber man sollte sich Dushman keinesfalls entgehen lassen, nur weil es über eine Stunde dauert, bis Sanju überhaupt zum ersten Mal auftaucht, oder weil er diesmal nicht der souveräne Oberhero ist. Dazu sind die Bilder eines zur Abwechslung mal wieder eher sanften Sanjay – bisweilen sehr an Saajan erinnernd – einfach zu schön. Ich finde es übrigens interessant, dass Sanju, der Khalnayak, der Action-Hero, der Macho, nach jeder großen Lebenskrise bislang sein Publikum vor allem mit einer eher sensiblen und gefühlvollen Rolle zurückerobert hat – Saajan wurde zum Sensationserfolg nach seiner Drogenphase, mit dem Sanjus Aufstieg Anfang der 90er begann, und auch Dushman brachte ihm nach der haftbedingten Unterbrechung seiner Karriere sehr viel Lob und Sympathien. Seinen erneuten Durchbruch sollte er jedoch erst ein Jahr später mit Vaastav schaffen.

Produktion: Pooja Bhatt; Regie: Tanuja Chandra
145 Min.; DVD: Eros, englische UT (Songs nicht untertitelt)
Screenshots
Haarfaktor

Mittwoch, 17. Januar 2007

Daud (1997)

Zur Story: Eine Terroristenbande mit dem skrupellosen Pinky (Paresh Rawal) als Anführer hat es auf eine vom Zoll beschlagnahmte Kiste abgesehen. Über den Mittelsmann Khurana (Rajeev Mehta) wird der Kleinganove Nandu (Sanjay Dutt) angeheuert, die Kiste, die angeblich voller Gold ist, gegen Bezahlung zu stehlen. Das ist für Nandu ein Kinderspiel, doch von dem Moment an, in dem sich die Kiste in seinem Besitz befindet, hat er nur noch Probleme am Hals: zum einen ACP Inspector Nair (Ashish Vidyarthi) und seine Männer, die von Home Minister P.K. Mishra (Ram Mohan) beauftragt wurden, die Kiste unter allen Umständen wiederzuerlangen; zum anderen Pinky und seine Männer, die der Polizei unter allen Umständen zuvorkommen wollen; und zum dritten die schöne Tänzerin Bhavani (Urmila Matondkar), die scharf auf die eine Hälfte des geraubten Goldes ist und Nandu nicht mehr von der Pelle rückt. Auf der Flucht vor der Polizei landen Nandu und Bhavani im Dschungel, wo sie sich nach ein paar anfänglichen verbalen und auch handfesten Scharmützeln allmählich näherkommen und zudem unerwartete Hilfe durch den Sonderling Chacko (Neeraj Vora) finden. Noch aber ahnen beide nicht, dass sie keineswegs wegen ein paar Goldbarren in dieses Schlamassel geraten sind, sondern wegen einer veritablen Neutronenbombe...

Eines muss man Sanjay lassen: Er hat Humor. Mehr noch: Er hat den Humor und die Chuzpe, sich selbst und sein Image als tougher Action-Hero auf die Schippe zu nehmen – und das zu einem Zeitpunkt, wo man eigentlich hätte meinen können, dass er eher daran interessiert gewesen hätte sein müssen, an die glorreichen Action-Hero-Zeiten vor der haftbedingten Unterbrechung seiner Karriere wieder anzuknüpfen. Aber offensichtlich dachte Sanju anders – wenn schon Neustart, dann richtig. Zumal er mittlerweile Ende dreißig war und absehen konnte, dass mit den jugendlichen Actionhelden à la Sadak und Mahaanta demnächst Schluss sein würde. Sanju versuchte gar nicht erst, sein Haltbarkeitsdatum künstlich zu verlängern, sondern streckte seine Fühler in andere Territorien aus, was sich im Nachhinein als richtige und seiner weiteren Karriere mehr als zuträgliche Strategie erweisen sollte.

Was nicht heißt, dass er in dem Roadmovie Daud keine Fäuste mehr schwingen würde – aber zum ersten Mal hat er es dabei außer mit den notorischen Bösewichten auch mit einer smarten Braut zu tun, die durchaus auch selber zuschlagen kann und ihm respektlos Paroli bietet. Urmila Matondkar ist selbstbewusst und sexy, spielt umwerfend und hat kein Problem damit, ihren Partner zwischendurch auch mal auf die Bretter zu schicken. Die Chemie zwischen Urmila und Sanju ist herrlich, beide sind mit viel Witz und Einsatz bei der Sache, tanzen sich zusammen in mehreren Nummern einen ab und liefern sich gottvolle Rededuelle und Kleinkriege. Das Problem ist nur, dass der Film insgesamt mit Sanjus und Urmilas Klasse nicht mithalten kann. Er gibt sich als Komödie, aber dafür kommen im Laufe der Handlung viel zu viele gute und unschuldige Menschen auf z.T. furchtbare Weise ums Leben, und die panische Angst der von Pinky in einem Bus gekidnappten Menschen wird an einer Stelle glatt zum Lachen freigegeben. Die Story um die Neutronenbombe ist ziemlich krude gestrickt – welche Neutronenbombe wird in einer simplen Kiste transportiert, und welcher Home Minister schickt die geballte Polizei-Elite auf die Jagd nach dem Teil, ohne ihnen zu sagen, womit sie es zu tun haben? Auch wenn es ihm darum geht, Panik zu vermeiden, aber er muss doch damit rechnen, dass das Ding in die Luft geht, wenn die Polizei es findet und dann aufgrund der vorenthaltenen Informationen unsachgemäß behandelt. Und manche Details wie die vom Großwildjäger und dem Tiger werden so lange plattgewalzt, bis man sie nicht mehr hören kann...

Wären Urmila und Sanju in Daud nicht so fabelhaft, ich würde von dem Film glatt abraten. Der Film selbst ist eigentlich keine Empfehlung wert. Aber dieses köstlich-komödiantische Jodi rettet, wenn schon nicht den Film, so doch wenigstens den Tag.

Produktion und Regie: Ram Gopal Varma
171 Min.; DVD: Eros, englische UT (Songs nicht untertitelt)
Haarfaktor

Montag, 15. Januar 2007

Mahaanta (1997)

Zur Story: Raj Malhotra (Mohsin Khan) und Vijay Kapoor (Jeetendra) sind seit ihrer Kindheit dicke Freunde. Beide landen nach längerer Trennung beruflich in Bombay: Vijay als Police Commissioner und Raj als Manager im Imperium des mächtigen und angesehenen "Sea King" Seth Kedarnath (Amrish Puri), der jedoch wegen dunkler Machenschaften ins Visier der Polizei gerät. Neben Vijay trifft auch ein neuer Police Inspector in Kedarnaths Bezirk ein: Rajs jüngerer Bruder Sanju (Sanjay Dutt), der sich in die schöne Jenny Pinto (Madhuri Dixit) verliebt. Leider wirft auch Kedarnaths Sohn Mahesh (Tej Sapru) ein Auge auf Jenny. Durch die Drohung, Sanju und seine Familie zu töten, zwingt Kedarnath Jenny, in eine Heirat mit Mahesh einzuwilligen, woraufhin Sanju Jenny vor der versammelten Hochzeitsgesellschaft Mahesh vor der Nase wegschnappt und an Ort und Stelle selber heiratet. Zum Entsetzen seiner Familie wird Sanju jedoch noch in der Hochzeitsnacht von Vijay verhaftet, da eine Anzeige wegen Entführung und erzwungener Heirat gegen ihn vorliege. Während Rajs Frau Shanti (Poonam Dhillon) sich zu Kedarnath begibt, um ihn um Gnade für Sanju zu bitten, erklärt Vijay dem erzürnten Raj den wahren Grund für Sanjus Verhaftung: Er hat Sanju dadurch quasi in Polizeischutz gegeben, da er erfahren hat, dass Kedarnath einen Killer (Paresh Rawal) auf ihn angesetzt hat. Danach überschlagen sich die Ereignisse - mit grausamen und tödlichen Konsequenzen...

In Mahaanta kommen vor allem die Sanjay-Fans auf ihre Kosten, die Sanju am liebsten in Action sehen: rachefunkelnd, kämpfend, schweiß- und blutüberströmt - und von einer Intensität, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Natürlich legt er auch ein paar tolle Tänze aufs Parkett bzw. auf den Asphalt (besonders seinen immer wiederkehrenden Vendetta-Ritual-Tanz "Tapka Re Tapka"), natürlich darf er sich ein vorläufig letztes Mal in seiner Karriere in Madhuri verlieben (und sie leider ein paarmal auch ziemlich mies behandeln, noch dazu ohne sich dafür zu entschuldigen, was ihn einige Sympathiepunkte kostet), und natürlich schwingt nicht nur Sanju, sondern auch Madhuri (die wenigstens ein bisschen mehr zu tun hat als z.B. in Kanoon Apna Apna) ausgiebig tanzenderweise die Hüften - aber in erster Linie ist Mahaanta ein Vendetta-Film, in dessen Mittelpunkt der Konflikt zwischen Sanju und Kedarnath, Kerdarnaths Anschläge gegen Sanju und dessen Familie und Sanjus Rachefeldzug stehen. Und als solcher durchaus sehenswert, vor allem für Sanjay-Fans, für die Mahaanta quasi dokumentarischen Charakter hat. Warum?

Mahaanta gehört (ähnlich wie Sanam) zu den Filmen, die noch vor Sanjays Gefängniszeit ganz oder zumindest teilweise abgedreht wurden, jedoch erst nach seiner Freilassung auf Kaution fertiggestellt wurden und in die Kinos kamen. Bei Mahaanta, der 1997 herauskam, ist das sogar ganz deutlich zu erkennen; an einigen Stellen sieht er doch ziemlich wild zusammengeflickt aus, und außerdem weist Sanju über weite Strecken eindeutig noch den Look der frühen 90er auf, während einige Szenen ebenso eindeutig erst nach 1995 nachgedreht worden sind. Auffallend dabei ist: Sein Blick ist in diesen späteren Szenen oft erschreckend leer. Mahaanta führt auf an die Nieren gehende Weise den Einschnitt vor Augen, den die Ereignisse von 1993 und die langen Monate im Gefängnis für Sanjus Leben bedeutet haben - und die Folgen. Auch wenn wir es noch so sehr gewöhnt sind, dass Sanju in seinen Filmen häufig den Look wechselt, weil er immer mehrere Filme gleichzeitig gedreht hat und sich die Dreharbeiten über Jahre hinzogen (auch die vor Sanjus Haft gedrehten Mahaanta-Szenen stammen sichtlich aus verschiedenen Jahren) - aber dieser Fall ist noch einmal gravierend anders. Sanju präsentiert sich über weite Strecken in der blendenden Hochform, in der er vor seiner Verhaftung war - und dann immer wieder mal zwischendurch (z.T. auch innerhalb einer Szene, zum Beispiel bei seinem ersten Eifersuchtsanfall gegen Madhuri) völlig verändert, sichtlich gealtert und mit schmerzvollem Blick, der mir Tränen des Mitgefühls und auch der Wut auf die, die ihm das angetan haben, in die Augen getrieben hat. Mahaanta gibt uns eine Ahnung davon, was die sechzehn Monate Haft und das Wissen um die furchtbaren Anklagen, unter denen er stand, damals aus Sanjay gemacht haben.

Dass Mahaanta - der erste Film, für den Sanjay sechs Monate nach seiner Freilassung ans Set zurückkehrte und von dem ein Neustart seiner Karriere erwartet wurde - aufgrund der insgesamt sieben Jahre Drehzeit bei seinem Release 1997 auch noch ziemlich veraltet rüberkam und floppte, war ein weiterer Tiefschlag für Sanjay, der in den darauffolgenden Jahren teilweise gnadenlos abgeschrieben wurde und erst 1999 mit einer Serie von Erfolgen (u.a. Vaastav) wieder den Sprung nach oben schaffte.

Produktion: Ayub Khan; Regie: Afzal Khan
174 Min.; DVD: Shemaroo, englische UT (inkl. Songs)

Sonntag, 14. Januar 2007

Sanam (1997)

Zur Story: Gaurav (Vivek Mushran), Sohn des reichen Seth Yashpal Anand (Anupam Kher), absolviert seine Militärausbildung nahe der Grenze zu Pakistan. In einem indienfeindlich gesinnten Dorf, das sich abschottet und pakistanischen Terroristen als Lagerplatz für Waffen und Munition dient, lernt er die hübsche Sanam (Manisha Koirala) kennen. Sie verliebt sich in ihn, aber er wehrt ihre Annäherungsversuche ab. Eines Tages erzählt er ihr den Grund: Er stand sein Leben lang im Schatten seines älteren Bruders Narendra (Sanjay Dutt), dem einfach alles gelang, der in seiner Familie Hero genannt wurde und für seinen Vater die Welt bedeutete. Gaurav will endlich in Narens Fußstapfen treten und mit ihm gleichziehen, und davon will er sich von nichts ablenken lassen. Erst als Sanam ihm während einer Sturmnacht das Leben rettet, lässt er seine Liebe zu ihr zu. Als sich Sanams Dorf schließlich doch für seine Zugehörigkeit zu Indien entscheidet und sich deshalb massiver Bedrohung durch die Terroristen ausgesetzt sieht, schlägt für Gaurav die Stunde der Bewährung...

Sanjays Rolle in Sanam ist eigentlich nicht mehr als eine Special Appearance. Die eigentliche Hauptrolle spielt diesmal ein anderer, nämlich Vivek Mushran, der leider etwas blass bleibt, selbst in der actiongeladenen Schlussphase, in der man sich sehnlichst Sanjay herbeiwünscht. Aber Vivek hat es auch schwer, muss er doch gegen eine ganze Reihe starker Co-Stars anspielen, u.a. Manisha, die selten bezaubernder war und die erste Filmhälfte klar dominiert. Die Stunde Null schlägt schließlich nach einer Stunde und sechzehn Minuten, wenn in Gauravs Rückblende endlich Sanjay die Szene betritt und gemeinsam mit Anupam die nächsten 37 Minuten an sich reißt.

Was für ein gottvolles Vater-Sohn-Gespann! Anupam und Sanjay haben wie kleine Kinder ständig Unfug im Kopf und überbieten sich gegenseitig an Witz, Humor und köstlicher Mimik. Beispiele gefällig? Sanjay fährt sich durch die langen Haare, Anupam imitiert die Geste, greift dabei natürlich ins Leere und rettet sich mit der kühnen Behauptung "solche Haare hatte ich früher auch einmal". Oder: Sanjay spielt seinem leicht angetüdelten Vater - beide im kleingemusterten Schlafanzug mit Zipfel-Nachtmütze *kreisch* - dessen Spiegelbild vor. Oder: Anupam im Mr-Universe-T-Shirt prahlt vor seinen Söhnen, Gewichtheben für Olympia zu trainieren - bis Sanjay merkt, dass die Gewichte nur aus Holz sind, und ihm heimlich richtige Gewichte auflegt. Ständig fordern sich die beiden gegenseitig heraus, ob zum Wettrennen mit Jeep und Motorrad oder zu Tischtennispartien (mit Büchern statt Schlägern) auf dem Bürotisch. Eine besonders köstliche Szene: Anupam behauptet, alles, was sein Sohn kann, könne er auch; mit einem überlegenen Lächeln zieht Sanjay daraufhin einen langzinkigen Kamm aus der Tasche und beginnt, seine Mähne zu kämmen - doch als er meint, das könne Anupam nicht, zückt dieser einen kurzzinkigen Mini-Kamm und fährt sich damit durch den Schnauzbart... (Und man glaube ja nicht, dass ich jetzt schon alles verraten habe! *g*)

Sanju hat in Sanam nur wenig Screentime, aber die nutzt er 100%ig aus. Er und Anupam sind die Highlights des Films, zusammen mit einer wirklich guten Manisha. Leider verhindern eine Reihe Hindi-Cinema-typischer Comic-Sequenzen und ein allzu willkürliches und patriotisch-bemühtes Ende eine vorbehaltlose Empfehlung - aber die beiden Kindsköpfe Sanju und Anupam mit ihrer großartigen Chemie sind den Film allemal wert, denn selten habe ich mit den beiden so sehr Tränen gelacht. Und wenn Sanju bei der College-Feier mit einem Song, in dem Naren sich selbst Träume und Romanzen mit der gesamten Elite der BW-Heroinen und Models seiner Zeit andichtet (Rekha, Karisma, Raveena, Sridevi, Juhi, Urmila, Tabu, Kajol, Shilpa, Sonali, Aishwarya, Sushmita, Madhuri u.v.a.), sein Auditorium zum Toben bringt und dabei an der Wand "Hero, we love you" geschrieben steht - dann kann man sich dem nur noch anschließen.

Produktion: Hanif-Samir; Regie: Aziz Sejawal
152 Min.; DVD: Time, englische UT (inkl. Songs)

Andolan (1995)

Zur Story: Aniket (Govinda) wurde als Waisenkind in die Familie des Fabrikarbeiters Pradhan (Vikram Gokhale) und dessen Frau Bharti (Farida Jalal) aufgenommen und fand dort in Adarsh (Sanjay Dutt) einen liebevollen Bruder. Im College erobert der selbstbewusste Adarsh die hübsche Anita (Somy Ali) schnell für sich, während er bei Aniket und der schüchternen Guddi (Mamta Kulkarni) ein bisschen nachhelfen muss. Auch wenn er am College nur Unfug im Kopf hatte, ist Adarsh ein grundehrlicher Charakter, der auf der Seite der Armen und der Arbeiter steht und für sie nicht einmal davor zurückschreckt, sich öffentlich mit dem Don Baba Naik (Rami Reddy) anzulegen. Doch dadurch macht er sich natürlich Feinde – allen voran den skrupellosen Fabrikbesitzer Sabra (Dalip Tahil), der die Gunst des Ministers Dalvi genießt – und muss schließlich hilflos mit ansehen, wie der Don (auf Anordnung Sabras) in Zusammenarbeit mit korrupten Polizisten das Lebenswerk seiner Eltern zerstört. Pradhan wird getötet, Adarsh von den Polizisten festgenommen und brutal gefoltert. Wieder frei, startet er einen blutigen Vergeltungszug gegen die Peiniger seiner Familie, wodurch er erneut in den Mühlen der Justiz landet - und in die des Verbrechens gerät. Denn der Politiker Azad Deshpande (Ishrat Ali), der ihn auf Kaution rausholt, macht ihm klar, dass man mit blinder Wut allein keinen Krieg gegen die Unterwelt gewinnt, sondern nur, wenn man ihnen ein gleichwertiger Gegner wird. Unter seiner Patronage wird Adarsh zum reichen Unternehmer; er verändert sich von Grund auf, verliert jeden Glauben an die Werte seines Vaters, wird hart und gefühllos. Doch als Adarsh versucht, Aniket für seine korrupten Geschäfte zu benutzen, zerbricht das Vertrauensverhältnis zwischen den Brüdern. Die Welt der Korruption, die sich vor Aniket auftut, schockiert ihn zutiefst und er ist entschlossen, sie zu bekämpfen. Aniket verlässt Adarsh, aus den Brüdern werden Gegner...

Nicht alle Filme mit dem Duo Sanjay-Govinda sind Buddy-Komödien à la Jodi No.1, und Andolan (= Revolution) ist das wohl eindringlichste Gegenbeispiel dafür. Zwar beginnt auch dieser Film eher heiter-witzig - mit Sanju als College-Studenten, der ständig verrückte Streiche spielt -, aber er nimmt schon bald eine ernsthafte Wendung und wird zum Action-Thriller um Verbrechen und Korruption. Symptomatisch für diese Entwicklung sind Anikets College-Freund Subhash, der als Police Inspector die Korruption seiner Welt nur noch mit Hilfe von Alkohol erträgt, und Adarshs bittere Anklagen gegen das System, in dem jeder Mensch käuflich ist und es gar keinen Sinn hat, ein anständiges Leben nach Werten und Prinzipien zu führen, weil man dabei nur unglücklich werden kann - denn die Großen und Korrupten werden immer den Sieg davontragen. Wenn dann selbst ein redlicher Mensch wie Aniket am Ende den legalen Mitteln gegen Korruption keine Chance mehr gibt, hat die Desillusionierung ihren Höhepunkt erreicht, dem der Film nur noch mit aus unserer Sicht ziemlich heftigen patriotischen Phrasen entgegenwirken kann.

Andolan kam 1995 in die Kinos und wurde demnach vor Juli 1994 gedreht, also zu Sanjus glanzvollsten Pumazeiten. Er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein, und es ist ein Genuss, ihm zuzusehen, selbst wenn er später nur noch der kalte, gefühllose Racheengel ist, der seinen Gegnern in heftigen Actionszenen das Lebenslicht auspustet. Und Govinda (schlanker als in seinen späteren Filmen) beweist, dass er durchaus mehr draufhat als nur den Komiker, als der er heute allgemein abgestempelt ist - er kann auch ernsthafte Rollen spielen. Somy Ali hat ein traumhaftes Fahrgestell, und Mamta Kulkarni (die die Rolle nach dem Tod von Divya Bharati bekommen hatte) ist einfach nur entzückend, aber beide werden nach den College-Szenen mehr oder weniger vergessen. Trotz Govindas guter Leistung: Der Film gehört vor allem Sanju. Er schafft es sogar, trotz seines Abgleitens ins Kriminelle die Sympathien des Publikums zu behalten, da sein Rachefeldzug ja den eigentlichen Schweinen des Filmes gilt und man ihn letztlich dafür bedauert, dass sein Leben auf so sinnlose Weise zerstört wurde.

Ein sehenswerter, starker Film. Der Showdown ist zwar supertrashig, aber wer das Finale von Koyla mag, wird auch mit dem von Andolan klarkommen.

Produktion: Sajid Nadiadwala; Regie: Aziz Sajawal
162 Min.; DVD: WEG, englische UT (Songs nicht untertitelt)

P.S. Ähnlich wie Jai Vikraanta war auch Andolan noch nicht ganz fertig gewesen, als Sanjay 1994 inhaftiert wurde. Es ehrt Sajid Nadiadwala, dass er neun Monate gewartet hat in der Hoffnung, Sanjay würde auf Kaution freikommen und den Film selber vollenden, bevor er den einen Song von Sanjay, der noch fehlte, auf Govinda übertrug und den professionellen Synchronsprecher Chetan Sashital für das Dubbing von Sanjays Rolle engagierte. Hut ab vor Sajids Loyalität - und vor Chetans Leistung, der den Tonfall von Sanjay verdammt gut hingekriegt hat.

Jai Vikraanta (1995)

Zur Story: Chaudhary Amar Singh (Alok Nath), Oberhaupt des Dorfes Jaigard, arbeitet hart, um sein Dorf aus der Schuldnerschaft bei Thakur Pratap Singh (Nisar Ahmad Ansai) und dessen Sohn Thakur Jaswant Singh (Amrish Puri) freizukaufen. Seinen Sohn Vikraanta (Sanjay Dutt) hat er zu Ehrlichkeit und Gewaltlosigkeit erzogen. Als Amar Singh sich weigert, den Thakurs das Land seiner Bauern endgültig zu verkaufen, tötet ihn Jaswant und fälscht den Verkaufsvertrag mit Amars Daumenabdruck. Bei der Polizei finden Vikraanta und seine Mutter Sharda (Reema Lagoo) keine Gerechtigkeit, da Inspektor Khote (Ranjeet) auf der Seite der Thakurs steht. Daraufhin nimmt Vikraanta das Gesetz selbst in die Hand und tötet Jaswants Vater, als dieser das Andenken Amar Singhs vor der Dorfgemeinschaft beschmutzt. Als Jaswant daraufhin Vikraantas Haus niederbrennt und seine Mutter ermordet, wird Vikraanta zum Gesetzlosen, der mit seinen Männern fortan nur noch zwei Ziele verfolgt: die Armen vor Jaswants Grausamkeit zu schützen und den Tod seiner Eltern zu rächen. Während die Bauern Vikraanta wie einen Erlöser („Jai Vikraanta“ = Heil Vikraanta!) verehren, gerät er aufgrund falscher Anschuldigungen durch Jaswant und Khote als Verbrecher und Mörder ins Visier des rechtschaffenen DIG Sher Ali Khan (Shahbaaz Khan). Auf der Flucht vor der Polizei vertraut Vikraanta seine Frau Nirmala (Zeba Bakhtiyar) und seinen kleinen Sohn Suraj Sakhina Chachi (Aruna Irani) an, einer alten Freundin der Familie; doch als er erfährt, dass die drei sich in Gewahrsam von Khan befinden, kommt es zur unvermeidlichen Konfrontation zwischen Khan und Vikraanta...

Grandios! Was Sultan Ahmed da produziert und inszeniert hat, ist ein farbenprächtiges, ergreifendes und spannendes Epos erster Klasse, und ganz besonders ziehe ich meinen Hut vor M. Akhtar (Story) und K.B. Pathak (Drehbuch) für eine Geschichte, in der einfach alles passt: Auch wenn noch so viele Handlungsfäden nebeneinander her laufen und sich irgendwann überschneiden, und auch wenn sich die Ereignisse und Enthüllungen zwischenzeitlich noch so sehr überschlagen, kein Twist kommt aus dem Nichts, alles wurde in den vorangegangenen Szenen bereits irgendwo angelegt und vorbereitet; und allein deshalb schon ist Jai Vikraanta ein Film zum mindestens zweimal Anschauen, um beim zweiten Mal die Entwicklung der einzelnen Figuren und Schicksale noch bewusster nachvollziehen zu können. Lediglich gegen Ende habe ich Ahmed im Verdacht, eine Szene rausgeschnitten zu haben, da Vikraanta sich da plötzlich an einer Stelle befindet, wo er eigentlich nicht sein kann; möglicherweise war dies ein Tribut an die ausgedehnte Länge des Filmes. Aber man möchte am Ende keine der 195 Minuten missen.

Die opulente Story möglichst kurz zusammenzufassen war denn auch ein Ding der Unmöglichkeit. Viele Handlungsstränge und Figuren musste ich leider unter den Tisch fallen lassen – unter anderem auch, um Spoiler zu vermeiden. Was einigen dieser Figuren, die z.T. nicht weniger wichtig sind als die in der Kurzhandlung genannten, nicht gerecht wird, allen voran Shankar (Suresh Oberoi), der die vielleicht größte Entwicklung in dem Film durchmacht, aber auch Sakhinas Tochter Zeenat (Sabeeha), der redliche Police Commissioner (Saeed Jaffrey), die skrupellose Bordellbesitzerin Maina Sundhari (Bindu) und der rechtschaffene Thakur Harnam Singh (Mukesh Khanna), der vergeblich versucht, Jaswant ins Gewissen zu reden – sie alle spielen ihre Rolle in dieser Geschichte, niemand ist nur Staffage. Vielleicht hat dieses Bewusstsein auch dazu beigetragen, dass die Darsteller durch die Bank starke Leistungen abliefern und sich teilweise gegenseitig regelrecht hochschaukeln. Eigentlich könnte ich in diesem Zusammenhang noch einmal sämtliche Darsteller aufzählen... Aber die Rezension wird jetzt schon zu lang, daher belasse ich es bei einem Sonderlob an Suresh Oberoi für seine gut durchdachte Charakterstudie, an Amrish Puri für seine köstlichen Tanzeinlagen und seinen Miezenpullover (*g*) und an Shahbaaz Khan dafür, dass er Sanjay Dutt so ein starker und absolut gleichwertiger Gegner war. Auf Sanju selbst komme ich später noch einmal zurück.

Sultan Ahmed verfolgte mit Jai Vikraanta offenbar gleich mehrere Ziele. Da ist zum einen natürlich die Frage, was man tun kann/darf/muss, wenn einem durch die Behörden keine Gerechtigkeit zuteil wird; gegen Alok Naths anfänglichen Aufruf zur Gewaltlosigkeit stehen dabei Suresh Oberois bittere Frage „Was tun, wenn man eines Verbrechens bezichtigt wird und niemand einem glaubt, dass man unschuldig ist?“ und korrupte Polizisten wie Khote, die ursprünglich rechtschaffen eingestellte Menschen desillusionieren und in die Selbstjustiz treiben. Zum anderen predigt Jai Vikraanta, sozusagen als Nebeneffekt, die brüderliche Koexistenz von Hindus und Muslimen, die in einer der zahlreichen farbenprächtigen Tanzszenen des Filmes liebevoll und vor allem wohltuend ohne erhobenen Zeigefinger zelebriert wird. Und schließlich zieht sich wie ein roter Faden durch den Film das besondere Band, das Mütter und Söhne verbindet, in Form des Liedes „Rishtaa tera mera sabse alag“, das zu Beginn des Filmes von Sanju zu einem unglaublich schönen und bewegenden Clip mit Reema Lagoo gestaltet wird.

Wie schon angedeutet: Sanju hat trotz der Titelrolle den Film diesmal definitiv nicht für sich alleine; eine solch geballte Ladung stark aufspielender Co-Stars hatte er wohl seit seinem zweiten Film Vidhaata nicht mehr erlebt, und Shahbaaz Khan war in ihrer großen gemeinsamen Szene sogar drauf und dran, ihm den Rang abzulaufen. Was nicht heißt, dass Sanju diesmal weniger gut drauf gewesen wäre; er gestaltet den Gesetzlosen à la Robin Hood (in prächtigem Kriegeroutfit und mit einer verwegenen Kombination aus langer Mähne, Oberlippenbart und schwarzer Tika) mit großer Intensität und Emotionalität. Dabei verwischten gerade zu diesem Zeitpunkt für ihn Fiktion und Realität immer mehr, und er stand während der Dreharbeiten unter enormer Spannung. 1993 war Sanjay nach den Mumbai Blasts wegen Verdachts der Involvierung in diesen Terrorakt verhaftet worden – ein Vorwurf, von dem er erst knapp vierzehn Jahre später wegen erwiesener Unschuld freigesprochen werden sollte. Was empfand er, wenn er als Vikraanta vergeblich Gerechtigkeit bei der Justiz suchte oder wenn seine Co-Stars Fragen stellten wie „Was tun, wenn man eines Verbrechens bezichtigt wird und niemand einem glaubt, dass man unschuldig ist?“ Was ging ihm wohl im Kopf herum, wenn er zu dem Police Commissioner sagte: „I respect the law of my country. If the law of our country can protect the innocent and punish the evil, then the destiny of our country is very bright.“ Als der Film schließlich in die Kinos kam, saß Sanju im Gefängnis – als genau der angebliche, aber schuldlose Kriminelle und Mörder, als der sein Vikraanta um die Wahrheit gekämpft hatte. Seine Dialoge hatte er nicht mehr selber dubben können – Respekt vor Chetan Sashital, der sich dieser Aufgabe angenommen hat; er hat Sanju würdig vertreten.

Produktion und Regie: Sultan Ahmed
195 Min.; DVD: Shemaroo, englische UT (inkl. Songs)