Dienstag, 20. November 2007

Stardust 7/1991: Sanjay Dutt: My Page

Stardust, Juli 1991

Sanjay Dutt: My Page


Ich? Ich und eine "My Page" machen? Mein erster Impuls, als die Stardust mich darum bat, war, wegzulaufen und mich irgendwo zu verstecken. Schließlich habe ich schon mit Absätzen meine Probleme, von ganzen Seiten ganz zu schweigen. Ich bat sie darum, ob ich nicht vielleicht ein "My Paragraph" machen könnte, aber sie hörten nicht auf mich. Also sitze ich jetzt hier und mache etwas, das mir Schüttelfrost verursacht.

Es ist nicht so, dass ich vor so etwas Angst hätte. Ich habe lediglich immer mit meiner Schüchternheit zu kämpfen, wenn ich über mich selbst reden soll. Schon wenn ich das Wort Interview höre, bin ich auf der Flucht. Ich halte mich einfach lieber im Hintergrund, und das ist mir bislang größtenteils auch gelungen. Das liegt vielleicht daran, dass ich sehr introvertiert und kein Mann vieler Worte bin. So war ich schon immer. Aber für einmal werde ich jetzt wirklich schreiben. Ich glaub es selber nicht. Aber andererseits, man lernt schließlich mit zunehmendem Alter dazu.

Und eine der ersten Lektionen, die ich gelernt habe, betrifft die Menschen. Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Typen in dieser Welt: Die einen sitzen einfach nur auf ihrem Hintern und warten darauf, dass das Leben etwas für sie tut. Die anderen dagegen packen das Leben bei den Eiern und tun etwas für ihr Leben. Sie setzen Dinge in Gang, anstatt darauf zu warten, dass die Dinge sich für sie in Gang setzen. Sie sind Erfolgsmenschen – und wenn nicht, dann haben sie es zumindest versucht. Zu dieser Kategorie gehöre ich. Immer in Bewegung. Immer dabei, Neues auszuprobieren. Immer weiter.

Das ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum ich ständig meinen Haarstil ändere. Weil ich immer ziemlich schnell von mir selbst gelangweilt bin. Früher hatte ich dieses sehr weiche Haar, das mir schlapp in die Augen hing. Und jeder meinte, das sähe sehr süß aus. Dann bekam ich zu hören, ich hätte doch so schöne, ausdrucksvolle Augen, warum ich denn nicht mein Haar zurückkämmen würde. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich meine Haare sowieso satt. Also ließ ich mir bei meinem nächsten Auslandsaufenthalt den Pony zu kleinen Spikes durchstufen. O Mann, ihr hättet damals die Gesichter der Menschen sehen sollen! Die waren geschockt ohne Ende. So etwas hat man bis dahin nicht mal ansatzweise hier gesehen. Aber als sich dann die erste Überraschung gelegt hatte, fingen natürlich alle an, sich ihre Haare ebenso schneiden zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt langweilte mich dieser Haarschnitt bereits wieder. Deshalb trage ich mein Haar jetzt vorne flachgekämmt und hinten lang. Schauen wir mal; wenn ich auch diesen Schnitt nicht mehr sehen kann, probiere ich wieder etwas anderes aus. Aber eins ist sicher: Ich war schon immer ein Trendsetter.

Ich denke, was einen in Bewegung hält, ist Langeweile. Nehmen wir zum Beispiel meine Filme; ich habe als junger, grüblerischer Liebhaber angefangen und danach – bis zum jetzigen Zeitpunkt – den gewalttätigen angry young man gespielt. Aber jetzt starte ich einen neuen Abschnitt in meiner Karriere und wechsle zu bedeutungsvolleren und sanfteren Rollen, in denen ich sehr viel mehr zeigen werde als nur meine Wut und meine Muskeln – ich werde mein Talent zeigen. Ich denke, es ist meine Ungeduld, die mich dazu treibt, Neues zu tun, Anderes zu tun. Deshalb werde ich in einigen meiner nächsten Filme einen ruhigen Liebhaber spielen, einen Romantiker mit Liebesschmerz, einen Poeten, einen sanftmütigen, leidenden Liebenden. Ich weiß, dass das überhaupt nicht nach mir klingt, aber genau das werde ich machen. Ich habe auch begonnen, mich mehr als zuvor auf die Songs und Tänze zu konzentrieren, weil ich inzwischen begriffen habe, wie wichtig sie für den Erfolg eines Filmes sind. Deshalb trainiere ich jetzt richtiggehend für meine Tanznummern, es ist unglaublich.

Nicht nur für mich übrigens. Auch meine Regisseure können es nicht glauben. Gott, ihr solltet ihre Gesichter sehen, wenn sie mir beim Tanzen zuschauen. Die gleichen Herrschaften, die mich vorher abgeschrieben haben, kommen jetzt mit ihren Verträgen auf mich zu. Das ist ein tolles Gefühl, und ich bin sehr glücklich. So glücklich, wie ich bin, wenn ich Filme drehe, die mir die Möglichkeit geben zu zeigen, was ich draufhabe. Früher war ich nicht glücklich. Ich habe lediglich wegen des Geldes gearbeitet, aber zufrieden war ich nicht mit meinem Job. Ich war nicht mit meinem Herzen bei der Arbeit und bin immer wieder davongelaufen, weg aus Indien, und selbst wenn ich hier war, meine Gedanken waren es nicht. Doch jetzt wächst alles zusammen. Ich bin glücklich, meine Regisseure sind glücklich, meine Fans sind glücklich. Und heute verschafft mir meine Arbeit sowohl Geld als auch Zufriedenheit. Diese Veränderung erfolgte schrittweise, aber nun ist alles gut.

Noch etwas hat sich verändert, und das ist die gewalttätige Seite von Sanjay Dutt. Früher war die Gewalt in mir wie ein Vulkan und konnte jederzeit und unmittelbar ausbrechen. Doch heute ist dieser Vulkan zu einem kleinen flackernden Feuer geworden – ein kontrolliertes Feuer, nicht die unkontrollierte Flamme von früher. Früher war ich verrückt, ich habe Menschen zusammengeschlagen, wenn sie mich nur angeschaut haben. Heute braucht es seine Zeit, bis die Wut in mir hochkocht. Vielleicht ein Anzeichen von Reife. Natürlich werde ich auch jetzt noch heftig, wenn man mich zu sehr puscht, und dann gnade Gott demjenigen welchen, der kann sich verabschieden. Denn dann wird die Explosion eine Atomexplosion sein. Was ich damit sagen will: die Gewalttätigkeit ist noch immer in mir, aber unterdrückt. Und so gefällt es mir. Ich möchte den Zorn in mir für immer am Leben halten. Er gehört zu mir. Ich möchte, dass dieser Teil von mir niemals abstirbt, denn das würde bedeuten, einen Teil von mir zu töten. Es dauert heute eine Weile, bis ich so richtig aufgebracht bin, aber das Feuer ist noch immer da und sollte die Leute daran erinnern, Abstand zu wahren, wenn ihnen ihr Leben lieb ist.

Früher hat sich meine Wut nicht nur durch meine Fäuste geäußert. Ich habe genommen, was gerade rumlag, und damit gekämpft. Sogar Gewehre. Ich glaube, damals war ich sehr verbittert gegen das Leben und gegen jedermann. Ich habe damals schon bei der geringsten Provokation zur Waffe gegriffen. Aber dann habe ich eines erkannt: Die Leute lieben es, dich zu provozieren. Und das machen sie so feinsinnig, dass du es nicht einmal merkst, bevor es zu spät ist. Dann wurde mir klar: egal ob du reagierst oder nicht, die Leute werden reden. Warum also ihnen den Gefallen tun und reagieren? Und wie viele Menschen könnte ich letzten Endes killen? Irgendwann würde mir die Munition ausgehen.

Vermutlich liegt es an diesem Zorn und meiner Unnahbarkeit, dass ich nicht viele Freunde habe. Ich vertrage mich nicht gut mit Menschen. Ich bin kein Diplomat. Aber ich bevorzuge die Formulierung, dass ich kein Heuchler bin. Ich kann Menschen, die ich nicht mag, nicht anlächeln und umarmen und ihnen die Hände schütteln. Ich halte mich von diesen synthetischen Typen liebend gerne fern. Ich habe meine Freunde außerhalb der Industrie, und wenn ich mit ihnen zusammen bin, dann will ich nicht über Filme etc. reden, sondern über andere Dinge. Ich bin keiner dieser typischen Filmtypen, die nur über Filme reden können und einen verständnislos anstarren, wenn andere Themen zur Sprache kommen. Das sind einfach Dummköpfe. Und überhaupt, was soll’s, wenn ich nur wenige Freunde habe? Wenigstens sind es loyale Freunde.

Das Thema Freunde bringt mich zu einem anderen Thema, das oft mit mir in Verbindung gebracht wird – Mädchen. Das heißt: Freundinnen. Es gab eine Zeit, in der Mädchen mir viel bedeuteten und ich mit vielen von ihnen in Verbindung stand. Aber die meisten von ihnen sind jetzt verheiratet, deshalb wäre es sehr unritterlich von mir, hier Namen zu nennen.

Oft wird mir gesagt, dass die Mädels gewaltig auf mich abfahren. Aber ganz ehrlich: Bislang hat sich mir noch keine offen an den Hals geworfen. Offenbar besitzen auch die Mädchen ihren Selbstrespekt, sie kommen nicht einfach daher und sagen "Nimm mich!". Und wenn sie es täten, dann hätte ich eh keinen Respekt für sie übrig. Jedenfalls: One-Night-Stands kamen für mich nie in Frage. Für mich es wichtig, eine Beziehung zu jemandem aufzubauen, bevor ich zu physischen Kontakten übergehen kann. Davon abgesehen: Seit ich verheiratet bin, kann ich sowieso nicht mehr herumlaufen und nach Beziehungen Ausschau halten. Natürlich habe ich noch immer einen Blick für hübsche Frauen. Das ist ein Teil von mir, der niemals absterben wird. Ich schaue Frauen bewundernd an, ich rede vielleicht sogar mit ihnen, aber ich würde mir heute keinerlei Mühe mehr geben, sie zu umwerben.

Allerdings ist es keineswegs so, dass man mich nach meiner Hochzeit mit keiner Frau mehr ins Gerede bringen würde. Vielmehr wurden mir mit so ziemlich jeder Frau, mit der ich gearbeitet habe, Affären nachgesagt. Vor allem mit Madhuri. Ohne Zweifel sind das alles sehr gutaussehende Frauen, aber das ist nicht der einzige Grund für solchen Tratsch. Es ist wahr, dass ich Madhuri als Mensch sehr gerne mag und mich auch gut mit ihr verstehe. Aber das war’s auch schon. Und so ein harmonisches Verhältnis ist notwendig für unsere Zusammenarbeit. Jedenfalls ist es so besser als früher, als wir gerade mal Hallo zueinander sagten und ansonsten jeder in seiner Ecke hockte und kein Wort mit dem anderen wechselte. Heute können wir miteinander reden.

Ich war noch mit einer anderen Frau gut befreundet, Farha. Aber dann habe ich gelesen, wie sie in einem Interview behauptete, ich hätte ihr einen Antrag gemacht. Warum bitte hätte ich das tun sollen? Okay, wir waren befreundet, wir haben viel miteinander gelacht und herumgealbert, und ich mochte sie wirklich gern, aber nie in diesem Sinne. Dieses Gefühl hat sie mir nie gegeben. Diese Behauptung ist schlichtweg falsch, ich habe ihr nie einen Antrag gemacht.

Was das betrifft: Ich habe überhaupt nie irgendjemandem einen Antrag gemacht – bis ich Richa kennengelernt habe. Und über sie zu sprechen erinnert mich an die furchtbare Krankheit, von der sie sich jetzt erholt. Ich hoffe, dass sie bald wieder ganz gesund ist und zurückkommt. Ich vermisse sie und Trishala, und ich möchte beide am liebsten jetzt sofort wieder bei mir haben. Aber bei einer Krankheit wie dieser kann man niemals sicher sein. Es geht ihr jetzt besser, aber bei dieser speziellen Krankheit kann dir niemand eine Garantie geben. Man muss von einem Tag auf den anderen leben. Langsam und behutsam. Man muss stark sein, das vergesse ich niemals. Aber ich neige dazu, zu verdrängen, dass Richa eine Krankheit wie diese hat. Heute kann ich mit der Tatsache umgehen, dass sie an dieser Krankheit leidet, aber akzeptieren kann ich sie noch immer nicht. Bis jetzt, toi-toi-toi, hat der Tumor noch keinerlei Anzeichen gemacht, wiederzukommen, und ich werde auch weiterhin die Daumen drücken und beten.

Was Trishala betrifft: Ich liebe sie. Und dass sie fern von mir lebt, steigert meine Liebe nur noch. Sie ist mein Kind. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich in dem Sinne auch vermisst. Schließlich lebt sie seit ihrem vierten Lebensmonat von mir getrennt, und sie sieht mich nur hin und wieder. Daher hatte sie keine wirkliche Möglichkeit, eine Verbindung zu mir herzustellen. Aber wenn sie erst mal wieder hier ist, wird alles anders werden. Ich werde sie nach Strich und Faden verwöhnen.

Andererseits könnte ich auch ein ebenso strenger Vater werden wie mein eigener Dad. Früher habe ich ihm seine Strenge übelgenommen, aber heute habe ich begriffen, dass ihm bei allem, was er tat, immer nur mein Wohlergehen am Herzen lag. Schließlich ist er mein Vater, und ich bin sein Sohn, und nichts kann daran jemals etwas ändern. Er hat mich immer wieder aufs rechte Gleis zurückgeführt. Aber seine Art, an Dinge heranzugehen, ist sehr hart. Wie bei einem Armee-Sergeanten. Er hat eine geradlinige, disziplinarische Lebensanschauung, die ich ihm früher verübelt habe, weil ich zu jung war, sie zu verstehen. Heute tue ich es, und ich schätze sie. Ich habe sogar erkannt, dass ich in vielerlei Hinsicht wie mein Vater bin. Auch ich höre nicht auf andere und mache genau das, was ich will.

Zum Beispiel, was die Politik betrifft. Dad ist wild entschlossen, auf dem geraden, schmalen und ehrlichen Pfad zu bleiben, und niemand wird ihn davon abhalten können. Aber angesichts der vielen Gewalt in der heutigen Politik mache ich mir Sorgen. Neulich bei einem bandh wurde er attackiert. Und auch jetzt wieder, während der Wahlen, wurde er von einer Bande angegriffen. Das beunruhigt mich, aber er hört auf niemanden. Er tut das, was er will. Und genauso bin ich auch. Wobei eines sicher ist, nämlich dass ich niemals in die Politik gehen werde. Das ist definitiv nicht meine Bühne.

Nicht dass es in der Industrie keine Politik geben würde. Vielmehr geht man sich dort sogar noch viel mehr gegenseitig an die Gurgel. Aber ich halte mich da raus. Und die Leute wissen ganz genau, dass sie sich mit mir besser nicht anlegen, denn sie wissen auch, was ihrer Gesundheit zuträglich ist. Wie zum Beispiel diejenigen, die mein angespanntes Verhältnis zu Anil Kapoor für ihre Zwecke hochspielen wollten. Sie haben mich benutzt, um auf ihn zu feuern, und ihn, um auf mich zu feuern. Aber kürzlich habe ich ihn getroffen und die Sache bereinigt. Natürlich hat sein Sekretär es in einem Interview so dargestellt, dass ich es gewesen sei, der zu Anil gegangen wäre und ihn um einen Lunchtermin gebeten hätte. Aber das ist nicht wahr. Die Sache ging so vor sich: Ich war bei Dreharbeiten in der Nähe von Anils Haus in Juhu, und Anils Sekretär (der mit meinem Sekretär Pankaj Kharbanda befreundet ist) kam auf mich zu und vereinbarte mit mir einen Termin zum Lunch mit Anil. Ich ging rüber, Anil und ich sprachen uns aus, und die Sache war erledigt. Heute kommen wir miteinander klar. Und das haben wir erreicht durch ein offenes Mann-zu-Mann-Gespräch.

Heute bin ich stolz darauf, dass ich so handeln konnte. Es zeigt, wie sehr ich mich entwickelt habe. Heute kann ich mich zurücklehnen und zufrieden auf die Zeiten blicken, die vor mir liegen. Ich hatte immer das Gefühl, dass man bereits hier in diesem Leben einen gleichen Anteil an Gut und Böse bekommt. Und ich habe bereits die ganze Scheiße bekommen, die das Leben zu bieten hat. Drogen, Alkohol, Kämpfe. Ich hätte mich beinahe selber weggewischt. Aber ich hatte die Stärke, zurückzukommen. Viele nannten mich charsi (Drogensüchtling/Kiffer), sie glaubten nicht, dass ich es in mir hätte, zurückzukommen. Sie wollten gar nicht, dass ich wiederkomme. Aber ich habe es allen gezeigt, dass sie sich geirrt haben. Ich habe meine Mutter verloren, meine Frau wurde krank. Ich bin geprüft worden, wie vielleicht noch nie ein Mensch geprüft worden ist. Und heute habe ich mich an diesen Druck gewöhnt. Er treibt mich an, zu noch größeren Höhen zu streben. Ich habe das Gefühl, dass ich alles ertragen habe. Jetzt kann es nur noch aufwärts gehen. Und dass meine Karriere jetzt nach oben zeigt, ist erst der Anfang.

Ja, ich bin heute nach einer neuen Droge süchtig: mein Training und meine Arbeit. Eine großartige Droge.

Ja, das Leben gibt jedem eine zweite Chance. Nicht viele ergreifen sie. Viele sehen sie nicht einmal. Ich habe die meine mit beiden Händen ergriffen.

Ja, meine guten Zeiten sind gekommen. Dank sei Gott!

In Liebe,
Sanjay Dutt

(Deutsch von Diwali)

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